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Die Struktur der Religion
Joseph M. Murphy strukturiert die Religion der Yoruba in die Bereiche Ara òrun,
Orisha und Ifá.6)
Ara òrun sind die Wesen, die im Jenseits beheimatet sind;
Murphy meint damit allerdings ausschließlich die Geister
der Vorfahren, die Égún, obschon die transzendente
Welt noch von anderen unstofflichen Wesen bewohnt ist. Der Kult
der Égún, die Ahnenverehrung, ist eines der wichtigsten
Kapitel der Religion. Murphy sieht in der Ahnenverehrung Medium
zur Erhaltung traditioneller moralischer Werte.
Die Orishas sind,
wie schon gesagt, die Emanationen Gottes. Murphy sieht in dem Kult
der Orishas eine Zugangsmöglichkeit zum
aché, der universalen Energie, und die Gewinnung persönlicher
Macht und Lebenskraft. Der Orisha-Kult ist für Murphy also
in erster Linie ein Kult der Kraft.
Neben der Pflege der traditionellen Normen, die sich an dem Égún-Kult
festmachen läßt, und dem Kult der Orishas, die den Zugang
zur Kraft ermöglichen, sieht Murphy das Orakel Ifá als
Instanz zur Organisation der kosmischen Ordnung und zur Strukturierung
der Religionsausübung. Die von Murphy vorgeschlagene Struktur
der Yoruba-Religion ist recht grob und schematisch, bildet aber
einen ersten hilfreichen
Schritt, sie zu überblicken.
Zunächst einmal bestehen Verbindungen zwischen den genannten
drei Bereichen. So gibt es zum Beispiel eine ganze Anzahl von Orishas,
die an der Transformation vom Menschen zum Égún beteiligt
sind, welche den Übergang vom Leben zum Tod oder die Reise
von aiyé zu òrun begleiten, allen voran die weibliche
Gottheit Oyá, die über die Égún gebietet,
mythische Mutter des Egúngún-Maskentänzers 7) und Herrin des Friedhofstors. Die Verbindung zwischen Orisha und
Ifá bildet die Divinationsgottheit Òrúnmìlà,
der Patron des Orakels und erster Prophet von Ifá, Zeuge
der Schöpfung und Kenner der Vorbestimmung. Òrúnmìlà ist
aber ein Orisha. Andersherum stehen die odù, die Orakelzeichen
von Ifá, in einer Beziehung zu den Orishas; so heißt
es zum Beispiel oft, ein Orisha stehe mit einem odù in Verbindung
oder sei in diesem oder jenen odù geboren.8) Endlich ist
festzuhalten, daß sowohl die Ahnen, als auch die Orishas
und Ifá zunächst einmal die Adresse für ratsuchende
Gläubige darstellen. Die Égún und die Orishas
sprechen durch das Orakel der Kola- oder Kokosnußstücke
(obi) und der Kaurimuscheln (Merindiloggun), während durch
das Orakel von Ifá Òrúnmìlà spricht.
Ifá ist das Divinationsmedium ersten Ranges, wobei Divination
als Kommunikation mit Gott zu übersetzten ist. Es ist wahr,
daß das "mündlich überlieferte Schrifttum" ("Oratur" im
Gegensatz zu Literatur) der 256 Orakelzeichen (odù) von
Ifá eine Menge Aufschluß über das kosmologische
System der Yoruba gibt. Die afrikanische Urreligion wird oftmals
schlichtweg mit Ifá gleichgesetzt und auch so genannt. Es
würde an dieser Stelle zu weit führen, auch nur einen
einigermaßen repräsentablen Überblick über
Ifá geben zu wollen.
Es ist wichtig zu erkennen, daß auch das toque de santo,
die Zeremonie mit Trommeln und Musik, bei der sich die Orishas
in den Tanzenden manifestieren, eine Form der Divination im Sinne
der "Kommunikation mit Gott" ist, der sich in diesem
Falle würdig von seinen Emanationen vertreten läßt.9)
Außer Égún, Orisha und Ifá gibt es
noch weitere Elemente der Yoruba-Religion, die in den meisten populären
Quellen weitgehend unterschlagen werden - wohl, weil sie weniger
spektakulär wirken. Dazu gehört die Herbalistik, die
Kunde von den heilenden und magisch wirksamen Pflanzen, deren Patron
der Orisha Osain (Osayin, Osanyin) ist. Der Herbalist, der Olosain,
kennt alle Pflanzen, weiß, wie sie zu pflücken sind,
und wie man ihnen Heilkraft oder magische Wirksamkeit verleiht.
Eine ähnliche Zunft bildet die Bruderschaft der Batá-Trommler,
die aus initiierten Trommlern besteht. Sie sind in das Mysterium
des Orisha Añá (Àyàn) eingeweiht, der
im Inneren der Trommel wohnt.
Der Orí-Komplex
Eine oft verkannte Gottheit ist Orí.10) Ähnlich wie Égún
ist auch Orí eine ebenso kollektive wie individuelle Entität. Égún
bezeichnet sowohl einen einzelnen Totengeist als auch die Gesamtheit aller
Totengeister. Orí ist im Gegensatz zu Égún ein Orisha.
Er bezeichnet eine singuläre Gottheit, meint jedoch das individuelle Wesen
eines jeden Menschen (von denen es bekanntlich viele gibt). Während auch
distanzierten Betrachtern der Religion bekannt ist, daß für jeden
Menschen ein ganz bestimmter Orisha ermittelt werden kann, der über seinen "Kopf" regiert,
also maßgeblich dessen Wesen (Charakter, Persönlichkeit, Mentalität,
Temperament) dominiert, wird oft verkannt, daß es Orí (wörtl.: "der
Kopf") ist, der die Individualität des Menschen, sein persönliches
Wesen ausmacht, und der sein erster Ratgeber ist. In jedem Kopf ist auch einen
Teil von Olódùmarè selbst gegenwärtig, der Eledá.11)
In Orí, dem Kopf, ist die Bestimmung eines Menschen verkapselt: Jeder
Mensch hat vor seiner Geburt seine Bestimmung (àyànmó)
selbst erwählt und zuerkannt bekommen. Im Augenblick der Geburt vergißt
er sie jedoch und wird nun im Laufe seines Lebens immer auf der Suche nach
seiner Bestimmung sein. Er wird immer wieder in Situationen geraten, in denen
er nicht weiß, wie er sich richtig verhalten soll; "richtig" bedeutet
hier: seiner Bestimmung gemäß. Dies sind die Momente, in denen er
sich an das Orakel Ifá wendet; denn nur Òrúnmìlà,
der erste Prophet von Ifá, war "Zeuge der Schöpfung" (eléri ìpín).
Orí existiert in zweifacher Ausfertigung, nämlich als Orí und
Iporí (Ìpònrí); während Orí (genauer
gesagt Orí-inú, der "innere Kopf") das Bewußtsein
und die Persönlichkeit des irdischen Menschen beinhaltet, ist Iporí das
himmlische Doppel seines Orí, die perfekt seiner Bestimmung entsprechende
Anlage.12) Das Wiederfinden der eigenen Bestimmung und ein ihm gemäßes
Verhalten ließe sich also auch anders formulieren als ein Zur-Deckung-Bringen
von Orí und Iporí.
Ende Teil II
Veröffentlicht mit Genehmigung des Autors
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