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Die Regla de Ocha ist der "Orisha-Orden" unter den
afroamerikanischen Religionen. Sie hat ihren Namen von den Orishas
(Orichas, òrìsà), den Gottheiten der nigerianischen
Yoruba-Stämme. Während der Unterdrückung der afrikanischen
Sklaven in der Kolonialzeit Cubas tarnten die versklavten Nachfahren
dieses afrikanischen Volkes, die Lukumí, ihren Kult hinter
der Verehrung der katholischen Heiligen (santos), indem sie sie
in eine Art spirituelle Personalunion versetzten, sie also "synkretisierten".
So entstand eine erzwungene, oft nur schein-heilige Mischreligion,
genannt: Synkretismus. Die Spanier hatten für diese seltsam übertriebene
Heiligenverehrung ihrer Sklaven einen eher geringschätzigen
Namen, der jedoch heute die geläufigste Bezeichnung für
diesen neuweltlichen Ableger der Yoruba-Religion geworden ist:
Santería. Heutzutage gibt es vereinzelt Strömungen
innerhalb der Religion, das erzwungene Erbe der Sklaverei und der
Kolonialzeit, die katholischen Relikte, über Bord zu werfen.
Es
gibt mittlerweile eine große Menge mehr oder weniger
guter Literatur und ebensolcher Websites über afrikanische
und afroamerikanische Religionen, die Santería und die Religion
der Yoruba. Ein kurzer Abriß auf dieser Seite kann natürlich
unmöglich alle Aspekte dieses Themas umfassend und gründlich
behandeln. Trotz der sträflichen Unvollkommenheit, zu welcher
dieser kleine Artikel verdammt ist, fühle ich mich dennoch
gehalten, Grundzüge der Religion zu skizzieren.
Allgemeine Grundzüge
Die Santería ist einerseits die neuweltliche Sekte der ursprünglichen
afrikanischen Religion der Yoruba, andererseits ihre legitime Fortsetzung in
veränderten Gegebenheiten. Es existieren sowohl Bemühungen um eine
Annäherung an die afrikanischen Wurzeln oder eine Rückkehr zu ihnen,
wie auch um eine Kombination beider Richtungen. Auch die kontroverse Haltung "Lukumí contra
Yoruba" ist oft unter den Vertretern der Religion zu finden. Tatsache
ist, daß auch das cubanische Modell seine spirituelle Funktion unter
schlimmsten Lebensbedingungen erfüllt hat. Es "funktioniert" noch
immer.
Aussage, Funktion und Heilsversprechen der Yoruba-Religion sind
nicht so verschieden von denen anderer Religionen auf unserer Erde.
Es geht da um ethisches Verhalten, welches in allen menschlichen
Gesellschaften recht ähnlichen Normen folgt, um Läuterung
der eigenen Seele zur Erlangung von ìwa pèlé,
einem "reinen Charakter". Allerdings beinhaltet dieses
Ideal in der Yoruba-Religion auch immer die Komponente des individuellen
Wesens, welches in seiner Eigenart entwickelt und purifiziert werden
will, und welchem gerecht zu werden sei. Dabei impliziert dieser
Grundgedanke auch die Bezwingung wesensgemäßer Untugenden
und rechtfertigt keineswegs die persönliche Bequemlichkeit.
Hierin findet sich das Motiv der seelischen Elevation, ja Evolution.
Auffällig ist bei alledem, daß zum einen die Wiederkehr
in die irdische Existenz durch Reinkarnation in den eigenen Kindern
und Kindeskindern als Heilsversprechen für ein rechtes Leben
gilt, zum anderen aber auch der Status des als Vorbild verehrten
Ahnen angestrebt wird.
Ein wichtiger Grundgedanke der Religion gilt der Erzielung und Erhaltung eines
stabilen Gleichgewichts (balance), im menschlichen Mikrokosmos wie im Makrokosmos
der Natur und im Austausch mit der transzendenten Welt, dem òrun ("Himmel").
Zu nehmen ohne zu geben ist ein verbrecherischer Irrtum im Umgang mit dem Kosmos.
In dieser Überzeugung fußt unter anderem auch die Philosophie des
Opfers (ebo), das in dieser Religion eine zentrale Bedeutung hat.
In der traditionellen Vorstellung der Yoruba befindet sich der
Mensch in einem Kreislauf zwischen Geburt, Tod und Wiedergeburt
auf seiner Wanderschaft zwischen der irdischen Welt (ayé,
aiyé) und dem Jenseits (òrun). Im Diesseits dieser
Welt versieht der Mensch Aufgaben zu seiner spirituellen Evolution,
die "daheim" im òrun für ihn nicht greifbar
sind. Ein Spruch lautet: "Der Himmel ist unser Zuhause, die
Erde ist der Marktplatz", ein anderer: "Der Wissende
stirbt nicht so wie der Nicht-Wissende" 1). Die irdischen
Geschäfte, der Lebenskampf, der Alltag und das praktische
Handeln gewinnen dadurch eine spirituelle Dimension. Himmel und
Erde, Geist und Materie durchwirken einander, befinden sich im
gegenseitigen Austausch. Auch wird im selben Moment, in dem das
irdische Überleben, das materielle und körperliche Wohlergehen
zu einem Teilbereich persönlichen Wachstums und einem spirituellen
Exerzitium erwächst, die Erlangung und Ausnutzung von vitaler
Kraft zu einem wichtigen Motiv. In der traditionellen Glaubensvorstellung
der Yoruba entspringt jede Form individueller Kraft einem Pool
universaler Energie, dem aché (ashé, àse).
Aché bedeutet auch den Anschluß oder die Teilhabe
des Einzelnen an dieser Energie. Jedes noch so geringe Ding, gleich
ob mineralischen, pflanzlichen oder tierischen Ursprungs, oder
ob menschlicher Artefakt, besitzt einen Anteil, eine Portion spezifischer
Energie, die durchaus wirksam werden kann. Dies zeugt im Grunde
von einer animistischen Weltsicht. Je unstofflicher aber ein Ding
oder Lebewesen wird, desto höher steigt es in der Hierarchie
der Geistigkeit, und desto mehr Energie gewinnt es.
Die Religion der Lukumí ist ein erklärter Monotheismus.
Sie etabliert einen einzigen Gott (Olódùmarè)
als primordiale Manifestation der universalen Energie aché.
Aus ihm emanieren allerdings diverse Untergottheiten, die Orishas,
von denen eine jede für sich spezifische Kräfte verkörpert,
Kräfte, die in ihrer Gesamtheit und ihrem Zusammenwirken das
Universum konstituieren und das kosmische Gleichgewicht gewährleisten.
Olódùmarè symbolisiert die undiversifizierte
Energie, das reine Licht. Er wird auch Olórun oder Olófi
genannt.2)
In westlichen Quellen wird die Santería, ebenso wie der
Vodú (Vaudou, Voodoo) oder der Candomblé, oft als
Glaubenskult bezeichnet. Dies drückt aus, daß die Santería
und verwandte Religionen nicht als solche anerkannt werden, weil
sie die praktische Ausübung des Kultes in stärkerem Maße
in stärkerem Maße in den Mittelpunkt rücken als
etwa das Christentum. Das Christentum ist extrem in seiner Betonung
der Innerlichkeit. Der Buddhismus praktiziert die Versenkung, aber
er praktiziert sie immerhin. Was berechtigt dazu, Religionen, die
im Kult die Gotteserfahrung suchen, nicht als solche anzuerkennen?3)
Folgt man den Anschauungen von Horst E. Miers4) und Kurt Aram5),
so finden sich in der Santería ebenso magische wie mystische
Merkmale. Magische Merkmale sind zum Beispiel der Gebrauch von
Anrufungen, der Glaube an die Wirksamkeit von Amuletten und magischen
Handlungen oder die Befragung des Orakels. Mystische Züge
trägt der Gottesglaube, sowie das Streben nach Elevation und
spiritueller Evolution.
Ende Teil I
Veröffentlicht mit Genehmigung des Autors.
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