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Lady Purple: Wenn wir jetzt bei Pilzen
sind: Hast du das Gefühl,
dass bei Pflanzen oder bei Pilzen, die Pflanze oder der Pilz selbst
eine gewisse Schwingung oder Energie hat, oder andere Energieformen
durch diese Pflanze sprechen? Wie hast du da die Erfahrungen gesammelt?
Im rituellen Kontext?
Kurt Lussi: Gerade Pilze wirken ja durch
die Inhaltsstoffe, das ist eindeutig und klar, wobei es von mir aus
gesehen nicht unbedingt
der Pilz ist der wirkt, sondern die Substanz gilt als Auslöser.
In meiner Erfahrung, habe ich zwar die Wirkung des Pilzes gespürt,
in diesen vier Stunden, aber entscheidender war was nachher geschah.
Die Nachverarbeitung. Meine Erlebnisse sind Weichenstellungen,
eindeutig. In diesen vier Stunden, ist die Zeit zu kurz, dass das
was geschieht etwas ändert. Die Erfahrung, der Blick in das
Innerste der eigenen Seele, das Gefühl der Gemeinsamkeit mit
den weiteren Teilnehmern und später als Resultat daraus natürlich
- Erkenntnis. Eine Erkenntnis davon ist - die Liebe zwischen Menschen.
Das predigt die katholische Kirche, das predigen praktisch alle
Religionen, insofern ist das ein ganz entscheidender Teil des menschlichen
Daseins. Zumindest für mich.
Lady Purple: Hast du erforscht,
oder gibt es Überlieferungen
im europäischen Raum, über Pilzrituale, oder über ähnliches?
Vielleicht auch mit anderen psychoaktiven Pflanzen? Denn wir kennen
zwar alle den Mythos oder die Tradition des Fliegenpilzgebrauches
von den Schamanen aus Sibirien, aber bei uns wächst auch überall
Fliegenpilz, also gehe ich davon aus, dass auch dieser verwendet
wurde. Bei uns wachsen überall Psylocybinpilze auf der Wiese,
also ich denk mir dass da wohl auch unsere Vorfahren darum gewusst
haben. Und die Frage ist, ob es jetzt von der Forscherseite her
wirklich Belege dafür gibt., dass so etwas Anwendung gefunden
hat. Und wenn ja, dann wie?
Kurt Lussi: Es gibt Belege vor allem
im Bereich der Sagen. Wir haben sehr viele Sagen, die von Fahrten
berichten, von Menschen
die durch dunkle Kanäle oder dunkle Höhlen kommen, und
dann auf Türen stoßen, diese Türen öffnen;
Sie kommen wieder in einen Kanal und ganz am Schluss öffnet
sich die letzte Türe und was der Mensch dann erlebt ist ein
taghell erleuchteter Raum. Wer diese Zugänge bewacht, das
sind die Zwerge. Zwerge mit den roten Kappen - rote Kappe heißt
Fliegenpilz. Es gibt ja auch Braunkappen. Da gibt’s die Dietrich
von Bern Sage, den Rosengarten des König Laurins, des Zwergeskönigs.
Der Zwergenkönig ist nicht sichtbar, aber sie kämpfen
miteinander und zum Schluss kann dann Dietrich von Bern mit einem
seiner Gesellen in dieses Loch einsteigen.
Oft vergleicht man das
mit Sterbeerlebnissen und es ist ziemlich identisch. Von mir aus
gesehen auch die poetische Umschreibung für Erlebnisse die
real gemacht wurden, und die man sich eben von Zwergen und Dämonen
belebt dachte. Die Erlebnisse waren dann eben Reisen in Richtung
des Lichtes. Weil wenn man die Nahtoderlebnisse analysiert, läuft
es genauso ab, zuerst ganz am Anfang kommt ein schönes Bild,
dann kommen vielleicht Schreckensbilder. Man durchlebt das alles,
dann löst sich das Ganze auf, man kommt in eine blaue Zone,
die dann explodiert, mit einem Knall und am Schluss ist es dann
eben die große Lichtscheibe, die man sieht. Beruhend auf
einer Eigenerfahrung, die ich einmal im Leben gemacht habe, im
Zusammenhang mit einer schweren Operation, habe ich das Licht dann
auch gesehen und Frieden gefühlt, etwas das man nicht in Worte
kleiden kann. Von daher glaube ich auch, dass die Verschmelzung
mit dem Licht eben der Tod ist. Da gibt’s kein zurück,
das Licht kann man erleben und sehen, wenn es Schmerzen heilt und
zu Nichts werden lässt, dann gibt es kein Zurück. Und
wie gesagt, das ist meine persönliche Auffassung, andere mögen
es anders erlebt haben, ich hab’s so erlebt und insofern
ist das für mich natürlich Realität. Insofern ist
eine Existenz Gottes für mich auch nicht etwas woran ich glaube
sondern für mich ist es Realität.
Lady Purple: Wir haben
vorher kurz über Liebessalben geredet,
für mich ist die große Frage: Gab es Hexensalben? Ich
hab mal versucht zu recherchieren und ich hab über Hexensalben
zusammengesucht was es an Belegen gibt, und eigentlich tauchen
die Hexensalben erst auf, in Dokumenten die in der Inquisition
da waren und davor gab’s keine Belege, wo das vor allem auch
als Hexensalbe betitelt gewesen wäre. Für mich ist die
Frage: Ist die Hexensalbe eine Erfindung der Inquisition oder wurde
sie da erst zur Hexensalbe gemacht? Bzw. wurde davor vielleicht
schon mit ähnlichen Pflanzen gearbeitet?
Kurt Lussi: Die Hexensalben,
die Rezepte dazu sind real, das heißt
sie kommen aus dem Mittelmeerraum und sind Rezepte die meistens
Nachtschattengewächse enthalten. Aber was Hexen von hier anbelangt,
das will heißen Frauen und Männer, die zum Tode verurteilt
wurden, weil sie scheinbar eben Kenntnis von diesen Dingen haben
sollten, dafür hab ich keine Belege gefunden.
Ich habe in
den Luzernern Turmbüchern, das sind Protokollbücher,
in denen die Verhöre aufgezeichnet wurden, keinen Fall gefunden,
in dem ein Hexer ein wirklich brauchbares, das heißt psychoaktiv
wirksames Rezept gestanden hätte. Auch schon wegen der exotischen
Zutaten schließe ich, dass über dieses Wissen nur Ärzte
verfügten, sicher auch Apotheker. Beispiel dafür ist
der Schwedenbitter. Ein schwedenbitterähnliches Getränk
gab es bei uns in der Dorfdrogerie noch bis nach dem 2. Weltkrieg.
Dort war echtes Opium drin, und erst mit den von den Amerikanern
inszenierten Kämpfen gegen die Drogen oder drogenähnliche
Substanzen, mit Ausnahme des Alkohols, ist das dann verboten worden.
Das Opium wurde aus dem Schwedenbitter entfernt und ist durch nicht
opiumhaltiges Opium ersetzt worden. Das stopft dann auch nicht
mehr, deswegen ist der Schwedenbitter heute abführend, aber
erst seit 1945, vorher nicht. In der Schweiz zumindest.
Lady Purple:
Wann hast du eigentlich begonnen dich mit all diesen Dingen zu
beschäftigen? Und wie kam es zu dieser „Obsession“ sich
in diese Richtung zu bewegen, zu forschen und zu experimentieren?
Kurt Lussi: Was sag ich da bloß? Ich kann das nicht beantworten,
und zwar deswegen nicht, weil das ein Prozess war. Es hat klein
angefangen mit den ersten Sagen, die ich aufgeschrieben habe, und
hat dann einfach Kreise gezogen. Ich hab nicht plötzlich gesagt: „Jetzt
forsche ich.“ Es war ein Zufallsstart kann man sagen. Es
hat dann eben Kreise gezogen und ich merke jetzt schon: Die werden
immer schneller, manchmal eben so schnell, dass ich die Bremsen
ziehen muss.
Lady Purple: Was ist momentan dein Projekt?
Kurt Lussi: Es sind zwei
Projekte, eines geht in Richtung Heilzauber, magisch religiöse Heilrituale und das andere ist ein Buchprojekt,
ein politisches Buch. Es geht in diesem Buch um einen Grafiker,
der sehr visionäre Dinge gemacht hat. Da wäre noch ein
Theaterprojekt, ich weiß aber nicht ob sich das zeitlich
ausgeht. Wie gesagt irgendwann sind dann Grenzen da.
Lady Purple:
Ziehst du Grenzen auch vom Kulturkreis her? Beschäftigst
du dich nur mit dem deutschsprachigen Raum oder nur Europa, oder
hast du da Grenzen für dich gezogen, damit es nicht zuviel
und immer mehr wird?
Kurt Lussi: Was die Forschung anbelangt, konzentriere
ich mich auf die Zentralschweiz. Ich habe genügend Material dort, wenn
es aber um das Heranziehen von Wissen geht, bin ich natürlich
für jegliches Wissen offen, um eben ein Gesamtbild entwickeln
zu können. Da kann ich mich nicht einfach zurückziehen.
Lady Purple:
Du hast gesagt, der Beginn war es Sagen aufzuschreiben, ich finde
das spannend weil ich glaube, dass Sagen und Mythen -
ja auch Märchen - auch das sind, was bei uns der erste Zugang
ist. Als Kind hört man Sagen, und ich glaube, dass das noch
oft unser erster Zugang ist um zu erspüren, dass es da schon
mal was gab und dies vielleicht noch da sein könnte. Wie siehst
du die Entwicklung heute? Also mittlerweile glaube ich, lesen unsere
Kinder nicht mehr Märchenbücher, sondern eher Fantasyromane.
Da ist die Frage, ob diese ähnliche Wirkung haben. Sie schauen
sich eher Buffy und Charmed an, die anders sind als früher
unsere Serien. Siehst du da eine Entwicklung zum Positiven oder
zum Negativen? Welche Tendenzen siehst du da?
Kurt Lussi: Ich glaube im Kern ist alles beim
Alten geblieben. Was gewechselt hat sind die Bilder und die Ausdrucksformen.
Wir
sehen das jetzt an unserer Ausstellung im historischen Museum im
Luzern „Im Bann der Geister“. Da haben wir die Technomusik
in Zusammenhang gebracht mit diesen alten Lärmbräuchen.
Technomusik und selbst Schamanensagen, das ist für mich klar,
sind einfach eine moderne Fortsetzung und eine andere Ausdrucksform,
sehr alte Vorstellungen, die einfach eine andere Ausdrucksform
haben. Im Kern ist es gleich geblieben.
Lady Purple: So lasset uns
weiter nach dem Kern, nach unseren Wurzeln suchen! Vielen Dank
an Kurt Lussi dessen Vortrag ich mit Spannung
erwarte!
PS:
Das Buch „Im Bann der Geister“ ist 2002 erschienen,
At Verlag, Aarau Schweiz: ISBN 3-85502-722-6
Wenn ihr mehr über Kurt wissen
wollt, dann findet ihr das auch noch hier und
hier.
Interview
von Lady Purple, mit großem Dank an Shina Edea die es transkribiert
hat!
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