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Kurt Lussi, Lady Purple, Christian Rätsch
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Ich wusste noch nicht wer mich erwartete – aber er wusste
es ja auch nicht. Und so fuhr ich unvorbereitet zu einem Treffen
mit Kurt Lussi um ihn zu interviewen. Ich wusste nur, dass er aus
der Schweiz kommt und am Schamanenkongress einen Vortrage halten
wird wo es um Brauchtum und Alpenschamanismus ging. Und ich wusste,
dass er sich mit Christian Rätsch gut versteht – was
jemanden bei mir natürlich sofort Pluspunkte einbrachte. Da
wir leider ein Verbot bekamen am Kongress selbst Interviews zu
machen oder Vorträge mitzuschneiden nutzte ich diese Chance
natürlich
sofort aus! Es war ein grauer Tag und es regnete. Doch die Begegnung
mit Kurt ließ sogar solch einen Tag zu einem Guten werden
- das Interview machte Spaß! Denn Historiker sind gar nicht
so langweilig – wie ich jetzt weiß!
Dies ist also das Erstinterview. Sozusagen ein kleiner Vorgeschmack
auf den Artikel zum Workshop über Alpenschamanismus und ein
zweites Interview das ich nach dem Kongress mit ihm machte und
in „Witches on Air“ bald zu hören sein wird.
Kurt Lussi ist Historiker und Forscher, Museumskurator in Luzern
und Buchautor. Das Interview fand im Juni 2005
in Wien statt.
Lady Purple: Ich sitze hier
mit Kurt Lussi der ein Vortragender am Kongress von Patcha Mama
dieses
Wochenende sein wird und bitte
ihn uns ein bisschen was über sich und sein Wirken zu erzählen.
Kurt Lussi:
Beim Kongress kommen die verschiedenen Kulturen zur Sprache. Es geht
um religiöse Vorstellungen, um Vorstellungen
wie: „Was geschieht nach dem Tod?“ Es geht um Krankheit
und es geht um Heilung.
Ein Problem, das in diesem Zusammenhang
auftaucht ist, dass es Referenten aus der ganzen Welt sind. Wir
sind hier in Europa, wo natürlich alles anders geprägt
ist, es andere Kulturen gibt, vorchristliche Wurzeln, die sich
dann mit der Zeit vermischt haben zu einem Ganzen. Worum es uns
jetzt gehen sollte ist einen Anknüpfungspunkt zu finden zwischen
dem Wissen, das uns diese Referenten vermitteln und dem was wir
hier haben. Denn unser Wissen ist da - aber es ist sehr stark
verschüttet!
Wir können jetzt beispielsweise Parallelen ziehen von den
Vorstellungen bestimmter Kulturen, und dann schauen, wo wir keine
Erkenntnis haben, wo Lücken sind. Wir können dann schauen,
wie das in den anderen Kulturen ist, wie diese das bewältigt
haben. Dann wissen wir wo anzusetzen ist.
Nur das Wechseln des
Hemdes bringt uns nicht weiter. Natürlich kann man wechseln,
das wird auch gerne gemacht, aber ich glaube es ist besser, wenn
man in sich selber forscht. Erkenntnisse kann man nicht anlernen,
Erkenntnisse kann man nur machen. Erkenntnis ist in den Menschen
drin und man kann sie finden, wenn man an sich arbeitet. Der Weg
zur Erkenntnis ist aber Knochenarbeit. Wie auch der Weg zum Schamanen
Knochenarbeit ist. Das kann nicht in einem Wochenendkurs geschafft
werden.
Lady Purple: Bezeichnest du dich selbst als Schamane?
Kurt Lussi:
Nein, aber der Christian Rätsch hat einmal gesagt,
und das ist eine sehr gute Definition: „In jedem Menschen
steckt schamanistisches Bewusstsein. Jeder Mensch kann, wenn er
das wünscht Schamane werden.“ Ich sehe mich mehr als
der Verbinder. Der Verbinder zwischen den Kulturen, jener, der
durch
seine Arbeit Brücken schlägt. Ohne selbst schamanisch
tätig zu sein.
Lady Purple: Du hast vorher von Erkenntnis gesprochen,
die man in sich selbst finden muss. Wie hast du das bei dir gemacht?
Wie
hat dieser Erkenntnisweg bei dir ausgesehen?
Kurt Lussi:
Es war ein langer Weg. Es war ein steiniger Weg. Es gibt Dinge,
die bringen Zentrierung, Fokussierung auf etwas Bestimmtes.
Je besser dann im Körper ungehemmt Energien fließen,
umso eher gelangt man zu Wissen. Zum Beispiel ist es ein wesentlicher
Unterschied, zwischen dem Wissen, dass der Mensch stirbt
und der
Erkenntnis, dass er stirbt. Wissen ist intellektuell,
man weiß es
einfach, weil’s so ist. Man ist dann z. B. bei Begräbnissen
dabei. Die Erkenntnis ist aber die aktive Auseinandersetzung mit
dem Tod und geht so weit, dass man eben das Leben und seinen Leib
ziemlich genau kennt. Was in diesem Körper auch innerlich
vorgeht, vor allem.
Lady Purple: Das heißt, die Erkenntnis ist dann, wenn man
weiß wo man sein Leben noch zu planen hat oder welche Aufgaben
man noch erfüllen kann?
Kurt Lussi: Nein, so direkt
kann man’s nicht sagen. Man
kann’s auch nicht in wenige Worte kleiden, weil es geht hier
um eine Umstellung der Werte. Bei mir war das natürlich die
Erlebnissituation, nicht zuletzt mit Experimenten, die ich gemacht
habe. Gestützt natürlich auf das alte medizinische Wissen,
das wir haben.
Lady Purple: Welches alte medizinische
Wissen ist das? Also, Schulmedizin wird es kaum sein. Geht es da
um überlieferte
Rezepte, um Pflanzen die speziell benutzt wurden,...?
Kurt Lussi:
Es geht um Pflanzenwissen, um Rezepte und Weisheiten. Beispielsweise
haben wir viel Wissen um Liebestränke. Diese
haben wir auch einmal hergestellt. Da geht’s natürlich
auch um die Erforschung wie diese Mittel wirken – und sie
wirken tatsächlich. Sie laufen dann aber unter der Bezeichnung
Likör und nicht unter der Bezeichnung Liebestrank.
Früher
gab es zum Beispiel den Rosseau, er ist ein Liebestrank, den man
in Mittwalden heut noch das „Kastenwasser“ nennt, weil
er im Kasten aufbewahrt wird. Er wird erst hervorgeholt, oder wurde
früher zumindest erst dann hervorgeholt, wenn sich ein Freier
für die Tochter, die noch zu haben war, zeigte. Wenn er dann
allzu scheu war, hat man ihm ein Gläschen oder zwei verabreicht.
Es gab auch, und das sind Fälle die nachgewiesen sind - ist
also aktenkundig geworden - welche die dann über des „Gader“,
sagt man bei euch glaub ich auch – „Gader steigen“ (Fensterln),
die in das Fenster hineingeklettert sind, zur Angebeteten, und
dort hat sie dann der Mut verlassen. Es war also so was wie ein
Mutmacher.
Lady Purple: Das heißt, du erforscht viel von diesen alten
Rezepten, alten Bräuchen, die es da noch gibt, so in deiner
Gegend. Und wie wird das umgesetzt? Also das Forschen alleine ist
zwar nett, aber gibt’s da auch eine Gruppe von Menschen,
mit der du arbeitest, wo ihr auch versucht das umzusetzen, zu rekonstruieren
was damals passiert ist?
Kurt Lussi: Es gibt natürlich immer wieder
wechselnde Partner, es kann im medizinischen Bereich sein oder
im volkskundlichen Bereich. Da sind aber auch Leute von Verlagen.
Je nach Projekt suche ich mir dann die Partner, um ein Projekt
zu realisieren. Wobei, in
diesen Projekten geht es immer nur um das gleiche. Es geht nämlich
darum, dieses alte Wissen wirklich seriös zu erforschen.
Das
will heißen: Kein Wunschdenken hineinzulegen, nicht etwas
hineinzuinterpretieren, das historisch gar nicht haltbar ist. Denn
da würde ich mich als Forscher disqualifizieren, vielleicht
zum Träumer oder zum Schwärmer. Was ich mache ist eine
Gratwanderung. Das Ziel ist dann dieses Wissen lange zur Verfügung
zu stellen.
Jüngst zum Beispiel haben wir eine Publikation gemacht, um
alte Lärmbräuche. Wir haben sie beispielsweise in Zusammenhang
gebracht mit „Psydance“ und der Technoszene und auch
festgestellt, dass die Trancemusik eine Fortsetzung alter Lärmbräuche
ist. Deswegen ist sie auch so beliebt, denn sie wirkt sehr stark
auf das Bewusstsein.
Lady Purple: Damals gab’s ja noch keine Elektrizität,
das heißt, damals ist es mit Trommeln passiert, oder wie
hat das ausgesehen? Ist da das Dorf gemeinsam gesessen und hat
getrommelt? Oder zu welchem Zweck glaubst du, dass das damals passiert
ist? Denn die Technogeneration bei uns macht das ja einfach um
Party zu feiern, um Spaß zu haben und die ganze Nacht durchzutanzen.
Kurt
Lussi: Wenn man Leute aus der Szene befragt, stellt man
fest, dass es nicht nur Spaß macht, sondern es geschieht
tatsächlich
etwas, durch das eine Stimmung entsteht, die vom Inneren gelöst
ist. Die Stimmung ist wirklich sehr schön, sie tut auch gut.
Sie tut der Seele gut.
Wir haben bei uns verschiedene Lärmbräuche, die sind
beispielsweise mit Glocken. Statt den Trommeln benutzt man Kuhglocken,
diese werden im Takt geläutet. Sie wirken ähnlich wie
Technomusik, der Takt der wirkt dann auf das Gemüt.
Dann gibt
es auch die Dreschflegel, das ist ein Brauch am Jahresende und
Jahresanfang. Mit einem Dreschflegel schlägt man einen Takt
auf Holzbretter, das hat dann das Ziel Fruchtbarkeit zu wecken
und die bösen Geister zu vertreiben.
Diese Lärmbräuche,
wie auch das Peitschenknallen zum Beispiel, die weiten sich auch
weiter aus. Was wir noch haben, das ist der Bet-Ruf, das ist auf
den ersten Blick, oder auf das erste Hören hin, ein religiöses
Gebet, das gesungen wird – es ist aber ein magischer Gesang,
in den die Heiligen Eingang gefunden haben. Sie werden angerufen
als Helfer. Dieser Gesang wird heute so vorgeführt wie vielleicht
vor 1000 bis 3000 Jahren, wie sie damals gelautet haben. Das ist
ein Singsang, der sich sicher europaweit nur noch auf wenigen Almen
der Zentralschweiz konzentriert.
Lady Purple: Das ist jetzt der
Teil des Forschers. Bezeichnest du dich selbst als religiös? Oder rechnest du dich irgendeiner
Gruppierung zu, siehst du dich als heidnisch oder als naturreligiös?
Gibt’s da auch Spiritualität in deinem Leben?
Kurt
Lussi: Natürlich gibt es die Spiritualität!
In sehr vielem was ich schreibe, oder sogar in allem das ich
schreibe
findest du das Produkt dieser Spiritualität. Ich habe einen
ziemlich offenen Geist und dieser offene Geist verhindert, dass
ich mich irgendwie einer Gruppierung anschließen könnte.
Denn dann hätte ich sofort Grenzen, die mich dann im eigenen
Denken einschränken würden. Persönlich bin ich verankert
in der christlichen, katholischen Kirche.
Lady Purple: Und wie verträgt sich die katholische Kirche
deiner Meinung nach mit Liebeszauberrezepten und magischen Ritualen
mit diversen Getränken?
Kurt Lussi: Das verträgt sich besser als man glaubt. Wenn
man’s in anderen Ländern sieht, ich denke da an Mittelamerika
- die Schamanen Mittelamerikas sind katholischer als katholisch
und trotzdem arbeiten sie mit Pilzen.
Wenn man einen Schamanen
fragt, wie er heilt, sagt er: „Ich heile nicht- Gott heilt
durch mich“. Trotzdem gebrauchen sie Pilze und wenden Praktiken
an, oder auch Rituale, die aus vorchristlicher Zeit stammen. Für
sie ist
die Gottesbegegnung letztendlich entscheidend. Ihre Welt ist eine
eigene Welt, auch unser Volksglaube ist nicht rein christlich oder
rein heidnisch, sondern ein Gemisch von beidem und lässt sich
nicht aufsplitten.
Ende Teil I
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