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Engelbert
Kohl, Zelt der Kurden
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Geschichte und Kultur
Regendicht, sturmfest, mittels offenem Feuer beheizbar und in
heißen Regionen kühler als moderne Zelte, ist das Schwarzzelt
in seiner Anwendung unübertroffen.
Schwarzzelte sind mobile Behausungen der Nomaden in trockenen heißen
Regionen. Signifikant für diese Zelte ist der Schwarzzeltstoff,
ein einfaches Leinbindengewebe aus gesponnenem Haar der schwarzen
Wüstenziege. Seit über 5000 Jahren ermöglichte das
Schwarzzelt den Nomadenstämmen die Wüsten und Berge in
all ihren Unannehmlichkeiten zu erobern. Alte Schriften und Bemerkungen
in religiösen Texten beweisen seine lange Existenz.
„Als 'Haus der Steppe' wurde
in mesopotamischen Keilschriften das Zelt bezeichnet, ein Epos
spricht voller Mitleid
von jenen Bergbewohnern, die 'keine Städte und keine
Häuser' kennen. Wandbilder aus dem Audienzsaal des
Assyrerkönigs
Assurbanipal dokumentieren die Verachtung der Sesshaften gegenüber
den Zeltbewohnern.“ Engelbert KOHL
Torvald Faegre, Forscher und Autor zum Thema Schwarzzelt, beweist
mit Zitaten aus dem Exodus und Salomon die Bedeutung des Zeltes,
im speziellen des schwarzen Zeltes, für die Menschen seit
Jahrtausenden. Passagen im Exodus schreiben den Bau eines Zeltes
genau vor, das den Tabernakel schützend umhüllen soll.
„'You shall also make the curtains
of the goats‘ hair
for a tent over the tabernacle; eleven curtains shall you make.
The length of each shall be thirty cubits, and the breadth of
each curtain four cubits; the eleven curtains shall have the
same measure.‘ -exodus
26:7" Torvald FAEGRE
Es wird angenommen, dass die Geburt des Schwarzzeltes in Mesopotamien
liegt und Hand in Hand mit der Domestizierung von Ziegen und Schafen
stattfand.
Um eine gleichmäßig nachhaltige Versorgung für
Tier und Mensch zu erzielen, muss man je nach Notwendigkeit immer
wieder zu neuen Weiden ziehen. Für diese Lebensweise benötigt
der Mensch die Möglichkeit, sich eine Behausung zu schaffen,
die leicht transportabel ist und schnell errichtet werden kann.
Die Herden lieferten die Materialien für die Zelthaut und
eröffneten somit dem Menschen, mit Hilfe des Zeltes, in einem
gewissen Territorium zu reisen. Mit der Domestizierung der Kamele
bestritten die Nomaden für sich wiederum weitere Regionen,
und sie konnten sich zur völligen örtlichen Ungebundenheit
entwickeln.
Wie die alten Schriften belegen, ist das Schwarzzelt eng mit Kultur
und Religion der Völker verbunden. Reisende Völker unterliegen
keiner Staatsgewalt und keiner stationären Gesetzesform. Doch
eine Religion kann hier die Normen von Recht und Unrecht aufgreifen
und grenzenlos vermitteln. Hinsichtlich des Nomadentums erfüllen
beispielsweise das Christentum und der Islam, Religionen mit gleichen
Wurzeln, eine solche Funktion. Im alten und neuen Testament, wie
auch im Koran, sind Anleitungen des Zusammenlebens zu finden, die
teilweise auf nomadische Lebensweisen zurückzuführen
sind.
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Kazuyoshi
Nomachi, tibetische Zelte
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Ein Volk entwickelt unter anderem seine Identität in Sprache,
Kultur, Religion und Architektur. So wurde mit wenigen Ausnahmen
das Schwarzzelt insbesondere ein Begleiter der islamischen Kultur.
Bekannteste Ausnahme bilden die tibetischen Schwarzzeltnomaden
im Hochland von Tibet.
Schwarzzelte sind spärlich zu finden, jedoch ist die Ausdehnung
ihrer Anwendung beträchtlich und zieht sich von der atlantischen
Küste Afrikas bis hin zur östlichen Grenze Tibets. Mit
Zunahme der territorialen Spannweite des Schwarzzeltes, variierte
es umso mehr in Form und Konstruktion von Region zu Region. Die
Bewohner passten es den örtlichen Voraussetzungen schrittweise
an, sodass wir heute unzählige Typen des Schwarzzeltes finden
können.
Allgemein glaubt man, die Wurzeln des Schwarzzeltes im arabischen
Raum zu finden, es gibt jedoch auch Theorien, die dessen Ursprung
vielmehr im persischen Raum hin zu Baluchistan vermuten. Ein Rätsel,
das sich wohl nie endgültig lösen lassen wird.
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Torvald
Faegre: Ausdehnung der Schwarzzelte
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Die Konstruktion
Beim Schwarzzelt gibt es keine Trennung zwischen
Primär-
und Sekundärteile, sondern es bildet ganzheitlich ein Tragsystem.
Die Haut übernimmt die Zugbeanspruchung, die Steher die Drucklasten.
Querkräfte werden von Haut und Abspannseilen übernommen
und halten die Steher in Position.
Diese Verschmelzung ist eine bemerkenswerte Optimierung eines Baus
zu einem statischen Idealsystem. Und kann als eine Analogie zu
den tensilen Tragstrukturen der modernen Zeit gesehen werden.
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Konstruktionssystem
Yörükzelt
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Der Schwarzzeltstoff, bestehend aus handgesponnem dicken Garn
vom schwarzen Haar der Wüstenziege und gewebt in einfacher
Leinbindung, ist so grobporig, dass man einen Strohhalm durch das
Gewebe ziehen könnte. Mithilfe dieses Stoffes erlangen die
Zelte außergewöhnliche Eigenschaften.
Die zahlreichen Berichte Reisender erwähnen die Regendichte
eines Stoffes, der in einfacher Leinbindung Poren von etwa 2 -
4 mm Durchmesser hat. Zusammen mit der erhöhten Ableitfähigkeit
der Hitze, die einen Zeltinnenraum von reduzierter Temperatur ermöglicht,
werden hierin scheinbar widersprüchliche Eigenschaften vereinbart.
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Regenmaschine & Zeltstoff
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In Anlehnung an diese Berichte wurden an der TU-Wien mehrere Versuchsreihen
durchgeführt, die das Gewebe einem genormten Regen aussetzt.
Mit dieser festgelegten Beregnung wurde das Verhalten des Stoffes
im Regen gemessen und analysiert. Die Resultate lieferten die Möglichkeit
einer Erklärung für das Phänomen der Regendichte.
Weitere Versuchreihen sind bereits in Planung.
Das Schwarzzelt funktioniert nicht im offensichtlichen Widerstand,
sondern in der subtilen Annahme der Umgebung. So nimmt es Hitze
auf, um Hitze abzuführen. Der schwarze Ziegenhaarstoff wandelt
das Licht zur Gänze in Wärme um und führt diese
durch seine großen Poren sofort wieder an die Außenluft
ab. Der Innenraum bleibt kühl, trocken und gleichmäßig
durchlüftet. Die Poren spenden das wenige Licht, das der
Mensch zum Sehen braucht.
Und es nimmt Regen auf, um Regen abzuführen. Der Garn saugt
das Wasser ein, quillt auf, schließt seine Poren und führt
die Flüssigkeit in seiner Gewebeebene über Dach und Wand
zum Außenboden ab. Kein Tropfen dringt ins Rauminnere.
Rauch entweicht ungehindert durch die Zelthaut und lässt jedes
Lagerfeuer im Zeltinneren vertikal abziehen. Die Partikel im Rauch
setzen sich im Stoff fest, die ihm Feuerresistenz und Imprägnierung
verleihen.
Bei starkem Wind bewährt sich die wirksame Konstruktion des
Zeltes mit hoher Standfestigkeit, während die Zelthaut den
böigen Druck bremst und einen gleichmäßig leichten
Luftstrom im Inneren zulässt, der der Kühlung dient.
Beim MerryMeet bauten wir ein 13 Jahre altes Yörükzelt
aus der Westtürkei (Torbali) auf. Das Dreistangenzelt der
Yörüken ist in türkischen Regionen weit verbreitet.
Obgleich wir hier von einem Yörükzelt sprechen, wird
dieser Typus ebenso von anderen Nomadenvölkern genützt,
wie zum Beispiel der Roma. Türkische Nomaden betreiben meist
Transhumanz, das heißt, sie beziehen im Winter ihren festen
Wohnsitz und reisen im Sommer mit ihrem Zelt zu ihren Weiden und Äckern.
Entgegen mancher Vermutungen, sind Nomaden nicht unbedingt arm.
Manche Familien besitzen riesige Ländereien, Traktoren, Herden
und mehrere Häuser.
Das Yörükzelt ist den Zelten der Beduinen in seiner Konstruktionsart
sehr ähnlich.
„The black tent that the Turkomen met in their migration
to the west is the tent type which is widespread among the recent
nomads (the last nomadic groups of Anatolia) of the Taurus mountains.
What is interesting is that the black tent of the Turkomen is closer
in form to the Arabic tent than the Persian one which they had
encountered on their way to Anatolia.“ - Günkut AKIN
Engelbert KOHL, Kurdistan, Schmelztiegel der Hochkulturen zwischen
Anatolien und Mesopotanien, Graz (Weishaupt Verlag) 1991, S.176
Torvald FAEGRE, Tents, Architecture of the Nomads, N.Y. (Anchor
Press) 1979, S.10
Günkut AKIN, “Turkomen”,in: OLIVER, Paul (Hg.),
Vernicular Architecture of the World, Volume 2 Cultures and Habitats,
Cambridge (Cambridge University Press) 1997, S.12-15, hier: S.1482
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