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Ich denke nicht, dass man Diskordianismus als Religion in deinem
Sinne verstehen kann. Mir kommt vor, dass in Hexenkreisen überhaupt
eine eher eng definierte Ansicht grassiert, was als Religion zu
verstehen sei. Eben ein "nicht beweisbares Glaubenssystem,
das zu einem passt"! Ich reagiere immer etwas verstört,
wenn ich Ratschläge wie "Studiere die unterschiedlichen
Religionen und such dir eine aus, die dir gefällt" höre.
Hier hat für mich in den letzten 200 Jahren eine extreme Veränderung
stattgefunden. Bis dahin waren Religion und Wissenschaften keine
getrennten Welten, es gab eine Weltsicht die von ein- und demselben
Menschen studiert und gelehrt wurde. Manchmal mehr in geistiger,
manchmal weltlicher Ausprägung. Religion war keine unalltägliche
Metaphysik. Man glaubte an sie, wie man an die Schwerkraft glaubte.
Welch gigantische Verschiebung da im Denken stattgefunden hat, versteht
man vielleicht durch diese absichtliche Verdrehung:
Wie merkwürdig würde es dir vorkommen, würde ein
erfahrener Physiker seinen Studenten raten, sie sollen sich doch
einfach mal so alle Theorien durchschauen und werden schon eine
finden, die ihnen gefällt.
Religion war ein Versuch die Welt zu erklären, nicht zu trennen
von so genannter Wissenschaft. Erst dadurch, dass sich Kirchen weigerten
ihre Ansichten mit dem immer größer werdenden Verstehen
der Welt durch den Menschen zu aktualisieren, entstand die Diskrepanz
zwischen "Glauben" und wissenschaftlichem Weltbild. Jeder
Mensch "hat" Religion - unbestätigbare Glaubenssätze
über die Natur seines Seins, der anderen und der Welt, sowie
der Beziehung zwischen ihnen. Manchmal bewusst als Katechismus formuliert,
manchmal unbewusst gehalten. Ohne diese zugrunde liegenden Theorien
könnten wir nicht funktionieren.
Und gerade in diese Sparte von "Religion als Weltsicht"
und nicht als "Verehrung von diesem oder jenem" fällt
der Diskordianismus. Ein Diskordianer, relativ prominent in der
Prinzipia Discordia vertreten, meinte einst „Diskordianismus
sei eine als Religion getarnte Krankheit“ und er dürfte
nicht so unrecht haben. Um zu funktionieren nimmt der Mensch ja
nicht nur rein seine Umwelt wahr, er gibt ihr Sinn und Bedeutung
um sie verstehen zu können. Nur so kann aus einem halb-eiförmigen
mit dunkler Flüssigkeit gefülltem Objekt in der Mitte
eines Raumes ein Affront werden, weil ich die Kaffeetasse noch immer
nicht weggeräumt habe, obwohl dies ausgemacht war. Nur so kann
aus einem Mann, der komische Sachen sagt und merkwürdige Kleider
trägt und eigentlich sonst recht wenig sinnvolle Arbeit erledigt,
ein Priester und der meist geachtetste Einwohner des Dorfes werden.
Und aus ein paar tausend Leuten, die versuchen Millionen dazu zu
überreden Dinge zu tun, die sie gar nicht wollen, ein Staat,
dem wir uns alle zugehörig fühlen. In Wahrheit ist Diskordianismus
eine Reduktion auf das Sinn-lose, oder eher Vor- Sinn-liche So-sein,
das wir auch im Buddhismus wiederfinden.
Nicht umsonst wurde Diskordianismus als der Zen-Buddhismus des Westens
bezeichnet. Er ist sicherlich auch in der Tradition des Dadaismus
und Surrealismus zu verstehen. Das Geheimnis des Diskordianismus
ist eben, dass er versucht die Welt zu betrachten wie sie ist und
beinahe zwangsläufig scheint er sich dabei selber zu ersticken
in der sarkastischen Verdrehung von Titeln und Rängen und Regeln
religiöser Gemeinschaften, die an ihren Empfängern nichts
verändern als die Art und Weise wie sie behandelt werden. Diskordianismus
zeigt teilweise, das ein reines „Dagegen“ dazu führt
Attribute der Opposition anzunehmen, und dass auch die unernsteste
Subkultur der Welt nicht vor subkultureller sich ständig wiederholender
Fadesse zu retten ist. Andererseits sind die meisten Diskordianer
lustig, sexuell aufgeschlossen, kreativ und überhaupt das Leben
auf jeder Party.
Mit lieben Grüßen
PCP
PS: Auch Diskordianer haben eine Göttin, aber die meint trotzdem,
dass es ihr wurscht wäre, was die Leute machen und wirft nur
hin und wieder mit Kühen nach ihnen. Und die Leute sind auch
froh nicht von ihr beachtet zu werden. Heil Eris!
PPS: Weil du ja magisch interessiert bist, vielleicht noch ein
diskordianischer Schutzzauber. Sollte in der Früh ausgeführt
werden! Gebraucht werden eine weiße Kerze, ein toter Frosch
und Kreide.
Der Diskordianer malt zuerst einen Pfeil auf den Boden, der in seine
Richtung zeigt, damit ihn die Göttin auch bemerkt. Dann zündet
er die Kerze an, damit sie ihn auch gut sehen kann. Zuletzt spricht
er "Heil Eris", weil’s nicht schaden kann und schluckt
den toten Frosch. Durch das Ritual kann er sicher sein, dass ihm
heute nichts Schlimmeres mehr passieren kann als einen toten Frosch
zu verschlucken.
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