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Was
ist Rekonstruktionismus?
Der (heidnische) Rekonstruktionismus ("Recon") ist ein
– mit Ausnahme der Asatru - weniger bekannter Zweig der (neu-)heidnischen
Bewegung, der sich von anderen Arten des modernen Heidentums vor
allem dadurch unterscheidet, dass er auf solide akademische und
historische Tatsachen aufbaut, was die Gottheiten, ihre Verehrung
und die daraus resultierende Ethik betrifft und möglichst genau
den alten, rekonstruierten Riten folgt.
Andere Unterschiede sind:
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die Betonung des
"echten" Polytheismus (mehrere kulturell abgegrenzte
Gottheiten als eigenständige Wesenheiten) im Gegensatz
zu Formen des Polytheismus, bei denen entweder mehrere Gottheiten
aus verschiedenen Kulturen nebeneinander gestellt werden oder
Gottheiten auf Archetypen reduziert werden. |
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die Ablehnung
eklektizistischer Praktiken, also jenes Trends, sich seine "eigene"
(heidnische) Religion aus verschiedenen anderen Religionen und
Traditionen zusammenzustellen. |
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die Skepsis gegenüber
modernen "vereinheitlichenden Theologien" wie z.B.
dem Duotheismus der Wicca (Konzentration auf Die Göttin
und Den Gott - "alle Götter sind ein Gott und alle
Göttinnen sind eine Göttin"), das Paradigma der
"dreifaltigen Göttin" (Jungfrau-Mutter-Alte)
oder die Jungsche Archetypenlehre. |
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die Betonung der
individuellen spirituellen Inspiration, allerdings nur als Erweiterung,
nicht als Ersatz der historischen Vorgaben. |
Die obigen Punkte kann man im Web an einigen Stellen finden, ich
möchte hier noch einige kritische Anmerkungen geben:
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natürlich
ist es nicht möglich, eine Religion, die über mehrere
Jahrhunderte hinweg praktiziert wurde, als eine unveränderliche
homogene Entität zu betrachten – somit ist eine
exakte Rekonstruktion gar nicht möglich |
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jede Religion
brachte Varianten (orthodoxe, liberale, Reformbewegungen)
hervor, daher kann man einen gewissen Eklektizismus auch die
Varianten betreffend wahrnehmen |
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und natürlich
ist die zeitliche Distanz ein weiterer Faktor, der eine exakte
Rekonstruktion erschwert, auch bei noch so gutem Quellmaterial,
denn auch dessen Lektüre ist persönliche Interpretation,
wie so vieles, was Religion betrifft (man denke hier z.B.
an die diversen Halbgötter-Mythen – sind sie nur
"bessere" Menschen oder echte "biologische"
Kinder einer Gottheit?) |
Viele Recons akzeptieren daher die Tatsache, dass vieles trotz
der Bemühungen der Wissenschaften nur erahnt werden kann, sowie
die Notwendigkeit, antike Praxis an die modernen Gegebenheiten anzupassen.Die
bekanntesten Recon-Bewegungen sind Asatru, Hellenismos und Religio
Romana.
Prof. Michael York definiert übrigens in seinem kürzlich
erschienen Buch "Pagan Theology; Paganism as a World Religion"
(NYU Press) drei Arten zeitgenössischen Heidentums:
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"Geopaganismus":
ein (absichtliches oder unabsichtliches) Gemisch verschiedener
religiöser Praktiken in einem bestimmten geografischen
Gebiet, z.B. Vodun, Macumba, Hoodoo |
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"Recopaganismus"
(von "recovery" oder "reconstruction"),
also etwa "wiederherstellendes Heidentum": Gruppen,
die eine einzelne heidnische religiöse Tradition rekonstruieren
(wollen) |
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"Neopaganismus":
jeder Versuch, eine neue heidnische Religion zu konstruieren,
auf der Basis von ganz oder teilweise aus anderen heidnischen
Religionen übernommenen Elementen, vermischt mit anderen
Komponenten, z.B. Schamanismus oder Zeremonialmagie. Hierbei
ist auch zu beachten, dass jede heidnische Religion irgendwann
das "neuheidnische" Stadium durchgemacht hat und dass
Eklektizismus in früheren Zeiten durchaus üblich war. |
Was
ist Hellenismos?
Hellenismos, oder hellenischer Polytheismus, ist die traditionelle
Religion des klassischen Griechenlands, rekonstruiert und an die
moderne Welt angepasst. Ihre Anhänger verehren die Dodekatheoi,
also die "Zwölf (olympischen) Götter", jene
Gottheiten, die auf dem Berg Olympos ihr Heim hatten bzw. haben:
Zeus, Hera, Apollon, Artemis, Hephaistos, Athene, Poseidon, Demeter,
Hermes, Hestia, Ares und Aphrodite; manchmal werden auch noch weitere
aus der griechischen Mythologie bekannte Götter wie Dionysos
oder Hekate, Halbgötter wie Herakles oder auch Naturgeister
(daimones) und Götter der Unterwelt verehrt. Verehrung wird
auch den (physischen und spirituellen) Ahnen zuteil.
Ein wichtiges Prinzip im Umgang mit unseren Göttern ist der
Austausch Gabe-Gegengabe, also z.B. "Verehrung gegen Gnade",
wobei bemerkenswert ist, dass es unbestimmt ist, wer damit beginnt
– mal sieht ein Gott, dass man in Schwierigkeiten ist und
bietet von sich aus etwas an, mal ist es der Mensch, der um etwas
ersucht und eine Gabe dafür anbietet.
Die Götter sind mächtig, aber nicht alle sind allmächtig
(meist ist es der Göttervater Zeus, der Übereifrige zurückpfeift).
Sie sind auch nicht allwissend. Sie sind allerdings unsterblich,
das ist der Hauptunterschied zu uns Menschen. Wesentlich ist auch,
dass bei den Ritualen zwar Götter angerufen, aber niemals invoziert
werden – kein Mensch kann die Größe einer Gottheit
verkörpern. Sie müssen auch nicht "körperlich"
anwesend sein, denn wenn sie sich persönlich äußern
wollen, finden sie eine menschliche Stimme, die sie sich leihen
können.
Feste
Ein weiterer Unterschied zu dem Mainstream des Neuheidentums ist
jener, dass die Hellenisten den üblichen Jahreskreis nicht
feiern, sondern eigene Feste, basierend auf dem klassischen athenischen
Festkalender haben.
Familienreligion
Hellenismos war und ist primär eine Religion, deren Ausübung
sich in der Familie abspielt. Es gab nur wenige Priester, die von
den Stadtstaaten für bestimmte allgemeine Feste benötigt
wurden, aber die eigentliche "Priesterschaft" waren die
Väter der einzelnen Familien. Religion war eine private Angelegenheit
und so waren auch die Feste Angelegenheit der Familien und Sippen.
Es gab auch keine Aufnahmezeremonie, man wurde ja einfach in die
Religionsausübung hinein geboren.
Quellen
Bezüglich des Quellenmaterials, nach welchem "rekonstruiert"
wird, ist schlichtweg zu sagen: als Hellenist kann man hier aus
dem Vollen schöpfen! Wir sind zwar keine "Schriftreligion",
die ein autoritäres Buch besitzt, aus welchem die allein gültige
Wahrheit angeblich heraus gelesen werden kann, es gibt also kein
"heiliges Buch der Griechen", aber doch jede Menge Primär-
und Sekundär-Literatur, die dabei hilft, eine Basis für
den Glauben zu finden. Homer und Hesiod sind u.a. jene Autoren,
von denen jede Menge Informationen über den Dodekatheoi-Glauben
zu beziehen sind. Und viele Wissenschaftler (z.B. Walter Burkert)
aus verschiedenen Bereichen haben akademische Werke über die
klassische Religion und Kultur verfasst. Drew Campbell, ein US-amerikanischer
Vorreiter des Hellenismos, hat vieles für eine zeitgemäße
Ausübung des Glaubens zusammen gefasst – es gibt also
genug Material als solide Basis für die persönliche "Rekonstruktion"
und die "Recons" sind sehr heikel, was ihre Quellen betrifft!
Ethik
Hellenische Ethik ist sehr hoch entwickelt (und war es schon in
klassischer Zeit) und orientiert sich, ausgehend von der eusebeia
(der "Frömmigkeit", der tief gehenden persönlichen
Beziehung zu den Göttern, ausgedrückt im Ritual und im
täglichen Leben), an Werten wie Gegenseitigkeit, (Gast-) Freundschaft,
Selbsterkenntnis und Mäßigung.
Es besteht übrigens in der hellenischen Recon-Bewegung kein
Interesse daran, die antike Gesellschaftsordnung (Patriarchat, Sklaverei,
...) wieder herzustellen, sondern nur daran, sinnvolle ethische
Werte gegen die Trends der pluralistischen Freizeitgesellschaft
anzuwenden. Es geht also keinesfalls um Politik, sondern um Anwendung
der Religion im Alltag.
Weitere
Informationen
Es gibt leider wenig deutschsprachiges Material, weder gedruckt
noch im Web, zu empfehlen sind aber (auf englisch) diese allgemeine
Information sowie diese Artikel
sowie die österreichische
Yahoo-Group .
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