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Wie
wichtig ist die Wissenschaft für das Neuheidentum?
"Wissenschaft ohne Religion ist lahm, Religion ohne Wissenschaft
ist blind.", Albert Einstein
Je länger ich mich mit dem Neuheidentum beschäftige, desto
mehr erschreckt es mich, wie wenig von dem angeblich überlieferten
heidnischen Wissen belegbar ist. Ja, selbst von einer Lehre des
Neuheidentums zu sprechen, ist äußerst gewagt, da sich
Interpretationen, selbst bei Gruppen mit ähnlichen Glaubenshintergründen,
stark unterscheiden. Schon allein, dass bei manchen neugermanischen
Gruppen Uneinigkeit darüber herrscht, ob denn nun Wotan oder
Tyr der rechtmäßige Hauptgott der Germanen sei, oder
dass es bei den Neukelten viele verschiedene Versionen zu altkeltischen
Legenden gibt und es mindestens fünf verschiedene Deutungen
über die Herkunft der Druiden gibt [1], verdeutlicht dies sehr
gut.
Sicher gibt es viele Neuheiden, die das vorhandene Wissen und die
Aussagen über die altheidnischen Kulturen kritisch prüfen
und die unterschiedlichen Interpretationen wahrnehmen. Sie überdenken
wohl, was sie von den vielen unterschiedlichen Meinungen glauben
sollen und was eher ins Reich der Fantasie verbannt gehört.
Doch scheinbar gehen viele Neuheiden auch anders vor, indem sie
sich die Vergangenheit vor 1.500 und mehr Jahren schön reden.
Fragt man bei so manchen weniger vergangenheitskritischen, keltogermanophilen
Mystiker nach, wie es denn damals war, kommt schnell Glanz in seinen
Augen auf und es folgen fantastische Erzählungen von der guten
alten Zeit der Kelten und Germanen, die jedem Gesamtbild der Geschichtsforschung
trotzen. Interpretationen, die manchmal zwar wissenschaftlich belegte
Fakten enthalten, scheinen oft, zufällig oder nicht, auch durch
ein paar Episoden aus Asterix oder fantastischen Keltenromanen aus
der Schreibstube von Marion Zimmer Bradley bzw. Evangeline Walton
[2] ergänzt worden zu sein.
Doch bei der lästigen Frage, in wie weit denn dieses romantische
Bild auch belegbar sei, ist die Euphorie über das fantastische
Heidenbild rasch wieder verschwunden. Lässt man sich von Aussagen,
wie "Das habe ich mal wo gelesen!", "Das hat mir
mal irgendwer gesagt!" oder "Das ist so überliefert
worden!" nicht irritieren und besteht auf fundierte Quellen
für das Gesagte, kommt schnell Schweigen auf. Eine Stille,
die sich aber jäh ins Gegenteil verkehrt, wenn die Ursache
dafür zur Sprache kommt, dass viel Wissen über die altheidnischen
Kulturen in Europa verloren gegangen ist; dann nämlich kommt
es zur berüchtigten Kampfansage...
Die "bösen" Christen sind schuld!
Es ist mit Sicherheit eine traurige Tatsache, dass bei der Christianisierung
in Europa viele der Anhänger eines nichtchristlichen Glaubens
im Namen des christlichen Gottes abgeschlachtet und ihre Tempel
geschliffen wurden. Ohne Zweifel ist der Schaden dieses Holocausts
enorm und wird oft noch heute unterschätzt, denn viele Kulturgüter
und heidnische Denkweisen sind für die Ewigkeit verloren und
es ist eine "Heidenarbeit" Fragmente davon zu rekonstruieren.
Von Kampfheiden wird deswegen die Wissenschaft oft als ein Teil
der christlichen Propagandamaschinerie bezeichnet, die Schuld an
der Ausrottung des Heidentums hat, da Kirche und Wissenschaft in
der Vergangenheit stark vernetzt waren. Eine Einstellung, die ich
für falsch und gefährlich halte.
Man ist heute in der Wissenschaft gegenüber der Zeit, in der
die christliche Lehre die Geschichtsschreibung maßgeblich
beeinflusst hat, viel skeptischer geworden. Das beste Beispiel hierfür
ist, dass der Irrglaube, dass die Mönche in ihren Klöstern
alles 1:1 abgeschrieben haben, was sie vorgelegt bekamen, bereits
als Irrglaube erkannt worden ist. Dementsprechend vorsichtig geht
die Wissenschaft heute mit der Interpretation der antiken Texte
um.
Die Wissenschaft weiß auch, dass Julius Cäsar die Kelten
in seinen Aufzeichnungen zum gallischen Krieg nicht als die Freunde
von nebenan beschreibt, wenn er ihr Land erobern will und dass seine
Berichte dementsprechend subjektiv sind, um seine Taten zu legitimieren
und zu heroisieren. Auch, dass das alte Bild des in Lederfelle gehüllten
wilden Germanen des Tacitus, das lange in der Gesellschaft verbreitet
war, nicht unbedingt der Wahrheit entspricht, ist heute bereits
wissenschaftliche Lehrmeinung.
Doch ein System wie die Wissenschaft, das sich eine möglichst
hohe Objektivität als Ziel gesetzt hat, soll und muss mit Vermutungen
sparsam sein. Somit sollte uns klar sein, dass Spekulationen über
das geheime Wissen der Druiden oder Goden in der Wissenschaft genauso
wenig verloren haben, wie die christliche Religionslehre, solange
das Wissen nicht durch Fakten belegt werden kann.
Warum
wird die Wissenschaft von manchem Kampfheiden immer noch derart
verteufelt bzw. gemieden?
Ist es vielleicht doch auch ein wenig die Angst,
dass das, was man sich nun über Jahre hinweg vielleicht schön
geredet hat, sich als nicht belegbar und somit fragwürdig entpuppt?
Eine durchaus plausible Erklärung, wenn man weiß, dass
so manchem Menschen, der sein Leben auf dem Heidentum aufgebaut
hat, vielleicht der Himmel auf den Kopf fallen könnte.
Auch die Argumentation, dass man durch die Brille der nüchternen
Wissenschaft nicht den alten Glanz der antiken Kulturen sehen kann,
erscheint mir zweifelhaft. Vielmehr scheint mir die Nüchternheit
der Wissenschaft ein Anker zu sein, der uns davon abhält abzuheben
oder gar fanatisch zu werden, wenn die Beschäftigung mit der
heidnischen Magie intensiv wird. Ein wenig Bodenständigkeit
kann Wunder bewirken.
Gehen
wir doch einmal einen anderen Weg!
Hinterfragen wir doch so manches, was uns so über die Antike
erzählt wird, ein wenig kritischer und beziehen wir dabei auch
den Standpunkt der Wissenschaft mit ein! Auch wenn wir dafür
viele alte romantische Vorstellungen aufgeben müssen, vielleicht
treten dadurch neue Erkenntnisse zu Tage, die noch wundersamer als
die alten sind.
Der Zeitpunkt wäre ideal. Das Interesse der Wissenschaft an
der vorchristlichen Zeit abseits der Römer wird größer,
denn immerhin besteht in Österreich bereits die Möglichkeit
Keltologie zu studieren, wenngleich das Studium noch in den Kinderschuhen
steckt. Nun liegt es an uns auch etwas dafür zu tun, dass der
Geschichtsunterricht unserer Kinder in der Grundschule nicht bei
den Römern beginnt und Kelten und Germanen nur so nebenbei
erwähnt werden. Und das geht nur, wenn wir uns der Wissenschaft
öffnen und Interesse an ihr bekunden.
Die Wissenschaft ist aber sicher auch nicht unfehlbar. Vor allem,
wenn neue Fakten auf den Tisch kommen, erweist sich so manche alte
Lehrmeinung als unhaltbar. Oft ist es deswegen schwer zu sagen,
welche der vielen Spekulationen über die antiken europäischen
Völker vielleicht mehr der Wirklichkeit entsprechen, als es
die Lehrmeinungen der Wissenschaft tun. Klar ist, die Wahrheit ist
irgendwo da draußen, doch sollten wir zwischen eigener Subjektivität
und wissenschaftlicher Objektivität stark differenzieren.
Ich halte die wissenschaftliche Forschung für immens wichtig,
um das wenige, das wir über unsere vorchristliche Kultur wissen
an den Tag zu bringen, es zu bewahren und mit neuen Erkenntnissen
bereichern.
[1] Mir sind folgende Theorien bekannt: Die druidische Lehre entstand
in England, Atlantis, Ägypten, Asien, Österreich,
Auch der Einfluss von Außerirdischen sei hierbei nicht ganz
zu vernachlässigen! ;)
[2] "Die vier Zweige des Mabinogi" ist ein walisisches
Schriftstück. Die Schriftstellerin Evangeline Walton schrieb
einen durchaus spannenden Roman, indem sie den Text des Originals
als Grundlage nahm und ihn mit frei erfundenen Details ergänzte.
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