|
Eine Vielzahl von Religionen
und Sekten waren immer wieder der Meinung, die Welt wie wir sie
kennen wird zu Ende gehen - bald, bald sollte es so weit sein -
und sie nannten immer wieder neue Jahreszahlen, mal früher,
mal in weiter Zukunft.
Seit einiger Zeit aber geschieht etwas besonders: Alle reden plötzlich
von selben Jahr: 2012. 2012 wird es so weit sein, diesmal wirklich,
also ganz ehrlich! 2012 wird alles anders, viele werden sterben,
aber für die anderen wird alles besser. Wird es diesmal wirklich
passieren, nur weil alle plötzlich das selbe Datum nennen?
Nein, natürlich nicht! Armageddon ist etwas, das schleichend
passiert, langsam, nach und nach. Lebensformen und Gesellschafen
degenerieren (wenn man es mit Darwin sagen will könnte man
formulieren : "Können sich nicht mehr an die Umstände
anpassen"), und sind irgendwann nicht mehr da. Es wird keine
große Katastrophe geben, keine Seuche, keinen großen
Knall, der mit einem Schlag zwei Drittel der Menschheit ausrottet.
Im Nachhinein gesehen, wenn Jahrhunderte zu wenigen Sätzen
im Geschichtsbuch zusammenschrumpfen, mag es vielleicht so aussehen,
aber die die mitten drin sind, werden es nicht so erleben.
Die Gier der Bürger
Diese Einigkeit unter so vielen Esoterikern, selbsternannten Propheten
und falschen Heilern zeigt vor allem eines: Immer mehr Menschen
haben Sehnsucht nach einer großen Änderung. Sie ertragen
die Massen der anderen Menschen um sich nicht mehr. Und in der
Tat: Wir bauen immer mehr Straßen und stehen dennoch ständig
im Stau, wir bewegen immer mehr Züge und finden dennoch keinen
Sitzplatz, wir produzieren immer mehr Nahrung (vorzugsweise Diät,
damit wir nicht zunehmen) die dann übrigbleibt, wir schrumpfen
gesunde Unternehmen, entlassen Mitarbeiter, um noch mehr abschöpfen
zu können. Mehr Nahrung, mehr Güter, mehr Raum ist gefragt!
Aber da wir Menschen nun auch einmal immer mehr werden, wird es
enger auf dem Planeten. Also - die einzige Möglichkeit für
einen Einzelnen, wieder mehr für sich selbst zur Verfügung
zu haben: Es müsste weniger von den anderen Menschen geben.
Man könnte also sagen: Die aktuelle "Armageddonanie" ist
nichts anderes als eine besonders krasse Ausprägung der Gier
des Menschen.
Wäre es nicht sinnvoller, neue Konzepte fürs Zusammenleben
zu überlegen? Wäre es nicht sinnvoller, einmal zu versuchen,
Werte wie Einfachheit und Bescheidenheit zu genießen? Wäre
es nicht sinnvoller, den Drang nach „mehr“ in einen
Drang nach mehr Wissen, mehr Fairness, mehr Naturverbundenheit
zu transformieren? Wäre es nicht sinnvoller, den Kinder-kriegen-müssen-Wahn
zu überdenken? Vielleicht wäre es das – aber auch
sooo anstrengend....Besser, die Welt geht unter.
Der Neid der Esoteriker
Zugegeben: Spirituelle Menschen haben’s nicht unbedingt
einfach. Wer sich ernsthaft mit sich, der Welt und den Mysterien
beschäftigt, hat es oft sehr schwer mit der Unbeschwertheit.
Wenn jede kleinste Ungeklärtheit in sich selbst intensiv gespürt
wird, wenn der Versuch der großen Verbundenheit mit Allem
auch den Schmerz hereinlässt, wenn man verzweifelt weil die
spirituelle Suche einen wieder mal im Kreis geführt hat – dann
kann man schon neidig zu denen blinzeln die sich’s nicht
so schwer machen. „Die sollen auch was tun, die anderen,
nicht immer nur so fröhlich sein, alles bleibt an mir hängen.“ Also
erfindet man eine Endzeitvision. Wie es früher das Versprechen
eines Paradieses nach dem Tod war, ist es jetzt die Drohung: Das
Ende ist nah, und nur die Würdigen werden überleben (=die
die an sich arbeiten bzw. die die jetzt leiden.)
Und auch die Religionen sind keine große Hilfe mehr. Zu
unlogisch scheint einem vernünftigen Christen heutzutage das
Leid auf dieser Welt in Zusammenhang mit einem all-gütigen
Gott, und die Ausrede mit dem Teufel zieht auch nicht mehr. Andere
Religionen fordern vor allem eines: Unterordnung, Unterordnung,
Unterordnung - tu was wir dir sagen, und du wirst die Wahrheit
finden, irgendwann, ganz ehrlich! Das Konzept der Erziehung zur
Eigenverantwortung ist einem falschen Guru meistens fremd, möchte
er doch seine Jünger an sich binden, wofür das Argument
mit dem Massensterben und der Auslese der „Würdigen“ wiederum
bestens geeignet ist. Was diese Gurus dann 2013 sagen werden, braucht
uns nicht weiter zu interessieren – in der Vergangenheit
haben nicht stattgefundene Weltuntergänge auch nichts an dem
blinden Glauben der Mitläufer geändert.
Wäre es nicht sinnvoller, seine Rolle und sein Können
stolz anzunehmen und zu leben? Wäre es nicht sinnvoller, die
Welt zu gestalten anstatt sich in Büchern und Theorien zu
vergraben? Wäre es nicht sinnvoller, die Gegenwart zu schreiben,
anstatt sich mit Gedanken an die Zukunft abzulenken? Vielleicht
wäre es das, aber halt sooo anstrengend....Besser, die Welt
geht unter.
Und wenn doch?
Und wenn er doch kommt, der große Knall, die große
Katastrophe? Was werde ich dann tun? Ganz einfach: Das, was ich
immer getan habe. Ich werde mein Leben leben, wie ich es für
richtig halte. Ich werde mich weder aufopfern, noch jemanden ausbeuten.
Ich werde tun was gut für mich ist und gut für andere.
Ich werde aufmerksam leben und Verantwortung für mein Tun übernehmen.
Und falls ich sterbe, dann sterbe nicht anders als ohne Armageddon,
wie ich heute durch einen Autounfall, eine Krankheit oder irgendwann
an Altersschwäche sterben könnte. Ich sterbe, wenn der
richtige Zeitpunkt gekommen ist!
Es ist nicht nötig, den Menschen ständig von einem herannahenden
Armageddon zu erzählen, nicht nötig, sie unter Druck
zu setzen (Schnell, ihr müsst was tun, denn die Unwürdigen
werden sterben!), nicht nötig, ständig seine Aufmerksamkeit
auf eine mögliche zukünftige Katastrophe zu lenken. Wir
dürfen unser Leben auch heute so leben, wie es die wahren,
die leisen Meister sagen: Im Hier und Jetzt, mit Lebensfreude und
Leichtigkeit – und mit Verantwortung.
|