|
Am 01.06. erreichte die Gruppe Spanien. Die Kälte ist fast
schon vergessen. Der Weg durch die Pyrenäen führt zum
Teil über alte Pilgerpfade, die aber in einem sehr schlechten
Zustand sind – doch angesichts der Erlebnisse die man bereits
hinter sich hat sind steile Geröllhalden eine leichte Übung.
In den Dörfern Spaniens will niemand so recht glauben, dass
die Reiter von Österreich losgezogen sind, und man will sie
auch gar nicht mehr so recht weiterziehen lassen.
Je näher das Ziel rückt, umso besser werden die Wege,
die letzten Kilometer sind schon sehr kommerziell, fast touristisch.
Der 98. Tag – am 25. 06. 2000 – das Ziel ist erreicht
Drei Monate unterwegs mit Pferden. Drei Monate, in denen es täglich
neue Abenteuer zu bewältigen gab, entweder in der Natur, mit
der Gruppe oder mit sich selbst. Dann ging es zurück mit dem
Transporter – 3.065 km in 62 Std… ein Schock. Zu Hause
ist nichts mehr wie es vorher war…
Auch die Beziehung zum Tier
hatte sich verändert
Das Pferd, auf dem die Pilgerin unterwegs war, wurde extra für
den Ritt von Argentinien nach Österreich geholt. War er am
Anfang nicht ganz einfach – niemand wusste so recht, was
er nicht schon alles mit dem Menschen „erlebt“ hatte.
Edith berichtet, dass er sehr schwierig war. Er buckelte, und hat
auch gebissen. Sie haben sich aber in wahrsten Sinne des Wortes „zusammengerauft“.
Auf so einem langen Weg wird das Pferd zum wichtigsten Begleiter,
Vertrauen muss geschaffen und gehalten werden. Auf dem Weg gab
es viele gefährliche Stellen zu überwinden – wie
z.B. Autobahnbrücken. Wenn hier das Verhältnis zum Tier
nicht passt, kann es Probleme geben, die gefährlich werden
können, bzw. Stress verursachen können.
Die Weite hat Edith nie in Ruhe gelassen. Jedes Jahr unternimmt
sie „kleinere“ Wanderritte innerhalb von Österreich,
z. B. von Wien Umgebung nach Oberösterreich in ca. einer Woche.
Auch hier nach dem Prinzip „geschlafen wird dort, wo wir
Unterkunft finden“. Das können Reitställe oder
auch Bauernhöfe sein, wenn sich nichts findet auch im Freien.
Den nächsten großen Ritt unternahm sie im Jahr 2005 – 2.000
km in 70 Tagen von Estland über Litauen, Polen und Tschechien
bis nach Oberösterreich.
Der Ruf der Ferne
Wenn man einmal dem Ruf der Weite nachgegeben hat, sich auf den
Weg gemacht hat, lässt einem diese nicht mehr los. Es ist
eine Loslösung von Raum und Zeit, die Seele hat die Möglichkeit
mal richtig aufzuräumen und sich zu „säubern“.
Und dies geschieht ganz von selbst – die Zeit und der Weg
erledigen das für einen. Scheinbare Bedürfnisse, die
die heutige moderne Welt in der wir leben mit sich bringt, werden
zur absoluten Nebensache, verlieren an Bedeutung. Es muss nicht
ein sogenannter „Pilgerweg“ sein, auf dem man unterwegs
ist – es kann überall sein. Ziel der Reise ist nicht
das Ziel auf der Landkarte, sondern der Weg. Auf dem Weg selbst
erlebt man sich selbst. Somit sehe ich „Pilgerreisen“ – egal
wo auf der Welt – als eine Reise zu sich selbst.
Oft ist man sicherlich geneigt, einfach aufzugeben, aber gerade
in diesen Momenten, wenn man den eigenen „Schweinehund“ überwindet,
und weitergeht, der eigenen Müdigkeit, Ziellosigkeit und dem
Wetter zum Trotz, überkommt einem das Gefühl, als ob
man eine riesige Hürde in sich selbst überwunden hat,
die einem vorher unüberwindbar vorkam.
Was hinter dieser Hürde für jeden persönlich zum
Vorschein kommt, kann sehr überraschend für manche sein.
Neue Einsichten, eine vollständig neue Wahrnehmung von sich
selbst und seiner ganzen Umwelt...
Ich möchte Edith Renner
für die Bereitstellung ihrer Erfahrungen, Berichte und des
beeindruckenden Fotoalbums bedanken. Auf dass sie noch viele
Reisen wohlbehalten unternehmen wird, auf den Spuren der eigenen
Ewigkeit. Und hoffentlich mit dieser Bereitstellung einige anspornen
konnte, Mut zu fassen und sich selbst auch auf den Weg zu machen.
Wir haben nur diese eine Welt zu begehen, und das sollten wir
nutzen.
|