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Die Reiter und Pferde legten täglich durchschnittlich 35
- 45 km zurück. Im ebenen Gelände werden sie mehr schaffen,
an anderen Tagen, z.B. in den Pyrenäen deutlich weniger.
Der überlieferte Jacobsweg wurde so genau wie möglich verfolgt. Da
sie nie wussten, wie weit sie täglich kommen würden, mussten sie sich
täglich um neue Übernachtungsmöglichkeiten für Mensch und
Tier kümmern. Für die Übernachtung wurde für die Pferde Ställe
gesucht, oder nachts mittels eines tragbaren Elektrozaunes eingezäunt. Ein
Begleitfahrzeug transportierte Futter und stand bereit, falls sich ein Pferd
oder Reiter verletzen sollte.
Eines stand fest - der Pilgerritt ist eine Reise mit einem Austieg
aus Raum und Zeit um einen unbekannten Weg zu folgen…
Die Natur mit all ihrer Schönheit und Herausforderungen wird
einem näher sein als einem lieb ist.
Hitze, Kälte, Schmerz, Schweiss, Ungewissheit und Anstrengung
wird Mensch und Tier an die Grenzen der scheinbaren Belastbarkeit
führen, kann ein eingespieltes Team bringen dass gemeinsam
durch dick und dünn geht oder sie zu genervten Gegnern machen.
Eines ist klar: die 3.065 kmhaben das Leben jedes einzelnen verändert…
Was sollte eine Pilgerreise
bringen?
Wieder zu sich selbst zu finden, den Sinn des Lebens zu hinterfragen.
Die Seele „freilegen“ – von jeglicher Einwirkung
und Vernebelung unseres Alltags zu befreien. Die Umgebung, und
vor allem sich selbst zu erfahren– wie ein nacktes Neugeborenes.
Start der Reise: 20. März 2000
Draussen ist es bitterkalt, Wind und Schneeregen luden nicht gerade
dazu ein, sich aufs Pferd zu schwingen und schwungvoll in ein Abenteuer
zu reiten. Neun Stunden waren sie im Schnitt am Tag unterwegs,
einen Großteil davon legt man zu Fuß zurück, nicht
nur um die Pferde zu schonen.
Die kommenden Tage wurde das Wetter besser, doch die Nächte
waren noch immer kalt. Die verwöhnten Städter mussten
sich erst an Schlafsack und Heuboden gewöhnen. Geschlafen
wird dort, wo man Quartier findet… Mühsam
und steinig sind die Wege. Mit Karte und Kompaß wurde gewandert,
denn erst in Frankreich und Spanien gibt es offizielle Wege. Die
Gruppe freute sich über gastfreundliche Pferdefreunde, die
das Badezimmer zur Verfügung stellten und ihre Küche
zu einem Gasthof machten. Die Pilger waren auch froh über
leere Holzhütten, auch wenn diese keine Türen oder Fenster
hatten.
Am 25. 03. überquerte man die Grenze zu Deutschland. Es waren
erst fünf Tage vergangen, und doch kam es jeden viel länger
vor… Langsam wurde der Ritt zum Alltag. Man
freut sich über die Sonne, ärgert sich nicht mehr wenn
der Weg auf einmal zu Ende ist, und findet es normal über
Böschungen zu rutschen, die einem Tage zuvor noch viel zu
gefährlich erschienen sind.
Am 15. 4. überschritt die Gruppe die Grenze zu Frankreich.
Man lebt wie in einer eigenen Welt. Der Kontakt zur anderen Welt
reißt manchmal ab wenn das Handy nicht funktioniert. Es werden
Konflikte ausgetragen, die vorher noch nicht möglich waren.
Oft kommt es vor, dass einer für zwei Tage verschwindet, zurückkehrt
und einiges über sich selbst gelernt hat.
Man beginnt sich über jedes Essen zu freuen, überwindet
vom Wind zerstörte Wälder, fällt umgeknickte Bäume
die ein weiterkommen unmöglich machen mit der Säge eines
Taschenmesser-Sets und ist glücklich, wenn sich ein Gruppenmitglied
samt Pferd wieder aus einem Sumpfloch befreien kann (ja, so allesverschlingende
Sumpflöcher gibt es auch in unseren Gegenden) Nach 1.500 km
spielt die Zeit keine Rolle mehr, es ist normal in der Früh
aufs Pferd zu steigen und abends irgendwo anzukommen.
Persönlicher Erfahrungsbericht
von Edith Renner
Geld spielt keine Rolle… man kommt immer durch – das
habe ich in den drei Monaten gelernt. Wenn man einmal so einen
Ritt dieser Dimension hinter sich hat, will man mit dem Pferd nur
mehr raus in die Natur. Da lernt man, was im Leben wichtig ist.
Du brauchst keine Markenbekleidung mehr, du bist froh über
praktische Kleidung, ordentliche Schuhe.
Die Rückkehr in den Alltag war sehr schwer, funktionierte
fast überhaupt nicht. Mein Mann glaubte ich sei übergeschnappt.
Ich wollte nichts erzählen, nichts reden. Ich wollte in der
Hängematte draussen schlafen und die Sterne sehen, das Wetter
war egal. Die Enge des Schlafzimmers war unerträglich und
noch heute wach ich auf, und glaube ich muss aufs Pferd. Für
meinen Mann war das ein großer Schock… wenn man 20
Jahre „funktioniert“ hat, und plötzlich
ist man ein eigenständiger Mensch, dem die Werte für
Geld und Äußerlichkeiten abhanden gekommen sind.
Ungefähr auf der Hälfte des Weges bin ich „frei“ geworden,
habe den Bezug zur Zeit verloren. War auf einmal frei von Ängsten,
konnte Gefühle zeigen. Konnte Menschen umarmen, die ich vorher
nicht kannte. Ich habe keine ängstlichen Gedanken mehr an
die Zukunft, ich weiß ich brauche einfach nur zu leben.
Ende Teil I
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