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Ich will jetzt jedoch gar nicht noch mehr darüber schreiben,
was Ötzi jetzt für die Wissenschaftler ist oder für
die vielen Menschen, die ihn als eine neue Sensation in den Medien
betrachteten, denn das, was er einmal war, das ist ausschlaggebend
und es wirkt in das Jetzt und sogar in die Zukunft hinein. Also
will ich euch erzählen, wer Ötzi einmal war.
Bevor ich mit dieser Geschichte anfange (Geschichte hat auch die
Bedeutung von dem Geschehenen, also eine historische Bedeutung!!!)
muss ich wohl erklären, woher ich weiß, wer Ötzi
war. Nun, ich weiß, dass mir Viele das nicht glauben werden.
Aber ich erzähle es trotzdem, denn ich weiß, dass da
oder dort doch jemand ist, der aufhorchen wird und mich nicht als
einen Spinner abtut. Obwohl mir total egal ist, was irgend jemand
von mir denkt.
Von dem Ötzi hörte auch ich im fernen Neuseeland schon
vor längerer Zeit durch die Medien und so hatte auch ich Kenntnis
davon, dass man einen Menschen im Eis gefunden hatte, der viele
Rätsel aufgab. Aber ich dachte nicht weiter darüber nach,
obwohl der Fund hochinteressant war und ich mich eigentlich sehr
gern mit solchen alten Funden der Geschichte und insbesondere der
Frühzeit der Menschheit auseinander setze. Aber ich lebe nun
schon seit vielen Jahren in Neuseeland und was dort drüben
in Europa geschieht, das ist tatsächlich nicht nur örtlich,
sondern auch gefühlsmäßig sehr weit entfernt. Ich
vergaß den Ötzi und die aufregenden Nachrichten wieder.
Nun
geschah es jedoch, dass mir ein Freund das Bild von Ötzi
per email schickte und auch dazu schrieb, dass man Gegenstände
aus verschiedenen Jahrhunderten bei ihm gefunden hatte und dies
der Wissenschaft viele Rätsel aufgab. Ich sah
mir das Bild von Ötzi an und fand es eigentlich recht
gruselig. Ich wollte mich gar nicht mit diesem Fund weiter beschäftigen,
denn ich fand, dass man den Menschen aus dem Eis eigentlich hätte
ruhen lassen sollen. Aber einige Wochen später schrieb mir dieser Freund wieder
und schickte das Bild von Ötzi nochmals mit, weil er offensichtlich
vergessen hatte, dass er es schon einmal geschickt hatte. Da sah
ich mir das Bild nochmals an und fragte mich, warum der Ötzi
nun schon wieder zu mir kam. Aber mehr dachte ich nicht nach und
schob den alten Ötzi wieder weg.
Nach zwei Tagen jedoch, während meiner Morgengymnastik und
ohne an irgendwas sonst zu denken, kam plötzlich ein Gedankenblitz
aus heiterem Himmel. Und was mir hier gesagt wurde, das will ich
jetzt aufschreiben:
Vor langer, langer Zeit hatten die Alpenbewohner eine schwierige
Zeit. Es hatte den ganzen Sommer nicht geregnet und auch das Jahr
vorher, ja sogar eine Reihe von Jahren vorher, war das Wetter nicht
günstig gewesen und die Nahrung wurde mit jedem Tag knapper.
Die Menschen litten und fürchteten um ihr Leben. Viele waren
schon verhungert. Alte und Kranke und Kinder waren die ersten Opfer.
Aber man konnte sich ausrechnen, dass es für die meisten kein Überleben
gab, wenn es nicht in Kürze regnen würde. Würde
dieser Sommer wieder ohne Regen sein, dann könnte das für
fast alle Menschen in dieser Region den sicheren Hungerstod bedeuten.
Im Ötztal lebte ein Schamane, der weithin für seine
Verbindung mit der Anderen Welt bekannt und geachtet war. Die Menschen suchten ihn nun auf in ihrer Not und baten ihn, etwas
für sie zu tun und die schlimme Not abzuwenden.
Der Schamane
rief die Weisen und Alten zusammen und sagte ihnen, was zu tun
sei.
Die Geister und Götter forderten ein Menschenopfer. Jemand
musste sich zur Verfügung stellen, um durch diese Opfertat
die Not zu beenden. „Wer soll es sein, der dieses Opfer auf
sich nimmt?“ fragten
die Alten. Und viele sagten, sie würden sich gerne opfern,
denn sie wären ohnehin alt und hätten vom Leben nichts
mehr zu erwarten. Aber der Schamane lächelte
und sagte: „Opfert nicht
etwas, das ihr als nicht wertvoll betrachtet. Ich selbst werde
das Opfer sein. Ich bin euch viel wert, denn sonst hättet
ihr mich nicht um Rat gebeten. Ruft das Volk zusammen und in drei
Tagen sollt ihr mich töten.“ Alle waren
erstaunt und betroffen. Aber sie verstanden die Botschaft des Schamanen.
Sie verstanden, dass man etwas opfern musste, das
wertvoll war. Und wertvoll war dieser Schamane, daran zweifelte
niemand.
Schweren Herzens, jedoch auch gleichzeitig mit großer Hoffnung
für eine Wende wurde das Ritual nach drei Tagen durchgeführt.
Der tote Schamane sollte nun drei Tage aufbewahrt werden, damit
die
Menschen ihm ihren Respekt zollen konnten, wie es der Brauch
war und er sollte dann in der üblichen Weise begraben werden.
Jedoch, zur Überraschung aller, begann zu regnen, noch bevor
die Frist der drei Tage abgelaufen war. Die Menschen atmeten auf,
das Leben war ins Land zurückgekehrt. Der Schamane hatte die
Menschen vor dem Verderben gerettet!
Es ist nun nicht verwunderlich, dass dieser Schamane, der sich
selbst geopfert hatte für das Überleben der Mitmenschen,
die größte Verehrung erfuhr. War er schon zu Lebzeiten
hoch geehrt gewesen, so war er jetzt durch seinen Opfertod zum
Heiligen geworden! Die Menschen strömten zusammen, um ihm
die letzte Ehre zu erweisen. Da traten die Alten und
Weisen noch einmal zusammen und berieten, wie sie diesen ungewöhnlichen
Menschen für ewige Zeiten
ehren sollten und welche Bestattung angemessen sei. Ein übliches
Begräbnis kam nicht in Frage. Wie sollte man ihn herausheben aus der Masse der gewöhnlichen
Menschen? Wie sollte man ihn zu ewigem Gedenken verhelfen? Was
sollte man tun, um ihn auch mit seinem Körper für die
Nachwelt und für die weitere Verehrung zu erhalten?
Nun, die
Lösung ist für Menschen, die im Hochgebirge
leben und mit der bewahrenden Eigenschaft von Schnee und Eis vertraut
sind, nicht schwierig. Es wurde beschlossen, den Leichnam hoch in den Bergen im tiefen
Schnee zu begraben, damit das Eis ihn für alle Zeiten bewahren
sollte.
So wurde es ausgeführt. Ein Grab wurde im Hochgebirge im tiefen
Schnee angelegt, an einer Stelle, die durch einen herausragenden
Felszacken leicht wieder zu finden war und somit für spätere
Generationen ein Markstein sein konnte, um diese heilige Stätte
wieder zu finden und besuchen zu können und dem Retter des
Landes, der mit der Geistwelt so offensichtlich in Verbindung gewesen
war, die Ehre zu erweisen und weiterhin mit ihm in Verbindung zu
bleiben.
Für Jahrhunderte, ja sogar für Jahrtausende war diese
Grabstelle ein Wallfahrtsort vieler Generationen. Man brachte Blumen
und Speisen, die man auf das eisige Grab legte. Der aufragende
Felsen neben dem Grab zeigte den Menschen die Stelle, wo der Heilige
begraben war und in eisiger Starre und ohne zu verwesen die Ewigkeit
erlebte.
Jedoch, nichts bleibt so wie es ist. So änderten sich die
Zeiten. Ein neuer Heiliger wurde bekannt. Er hatte gewisse Ähnlichkeit
mit dem alten Schamanen, der hoch in den Bergen immer mehr von
Schnee und Eis bedeckt wurde. Auch dieser neue Heilige hatte sich
geopfert für die Menschen. In jungen Jahren hatte er sein
Leben hingegeben. Diese Tat machte ihn zu einem großen Helden
und viele Menschen aus vielen Ländern wurden seine Anhänger.
Man baute Kirchen, in denen man sein Zeichen aufstellte und in
denen er – wie es die neue Religion lehrte - sogar körperlich
in Form einer Hostie in dem Tabernakel vorhanden war.
Nun war es nicht mehr so anstrengend und zeitraubend wie es bisher
war, als man noch in die gefährliche Bergeshöhe steigen
musste, um den Schamanen zu besuchen. Diesen neuen Heiligen zu
besuchen und ihm kleine Opfergaben darzubringen war jetzt eine
Kleinigkeit. Eine Kirche war in fast jedem Ort und man brauchte
nur einen kleinen Fußweg zu machen, um sich in der Nähe
des Heiligen zu wissen. Kein Wunder, dass nun der alte Schamane
nicht mehr in seiner gefährlich abgelegenen Gebirgseinöde
besucht wurde. Zusätzlich lehrte der neue Glaube, dass die
alten Götter und Geister nicht die wirklichen Götter
waren, denn es gab von jetzt an nur noch den einen Gott, den man
in so bequemer Weise gleich um die Ecke in der Kirche verehren
konnte. Und nicht nur einmal im Jahr besuchte man nun diesen neuen
Heiligen, sondern man konnte das jeden Tag tun, oder zumindest
einmal in der Woche, am Sonntag.
Der alte Schamane schlief nun viele Jahrhunderte und war vergessen
in seiner Schneewüste, die immer mehr zu einem Eisparadies
und zu einem Gletscher wurde. Niemand wusste mehr, dass er einmal,
vor langer, langer Zeit die Menschen von größter Not
errettet hatte. Und mit der Zeit wusste niemand mehr, dass dort
oben in den Gletschern überhaupt ein Mensch ruhte, der einmal
ein Heiliger gewesen war. – Nein, er war immer noch ein Heiliger,
nur wusste niemand mehr etwas davon!
Nun jedoch, vor wenigen Jahren, kam er den Menschen doch wieder
ins Gedächtnis. Er hatte sein Grab verlassen, um eine wichtige
Botschaft mitzuteilen. Die Botschaft, dass wieder eine große
Bedrängnis auf die Menschen zugekommen war und er wollte uns
mit seinem Erscheinen sagen, wie wir dieser heutigen noch größeren
Not entkommen könnten. Diese jetzige Not, die noch bedrängender
und größere ist als die damalige Hungersnot, ist das
Gegenteil von damals: Die Menschen sind zu wohlhabend geworden
und das hat sie verdorben. Die Liebe unter den Menschen stirbt,
das Verstehen stirbt, das Mitgefühl stirbt. Ja, die Menschen
sterben den seelischen Tod und sie merken es nicht einmal. Aus
diesem Grund ist die heutige Not schlimmer als die damalige Hungersnot:
Sie tötet nicht den Körper, sondern die Seele. Und dies
merken die Menschen nicht und deshalb wird nichts unternommen,
um diese Not abzuwenden!
Anstelle diesen alten Schamanen zu ehren und ihn wieder in sein
angestammtes oder auch in ein anderes angemessenes Grab zu legen,
hat man sich seines Körpers bemächtigt und zerlegt ihn,
untersucht ihn, will mit wissenschaftlichen Mittel herausfinden,
wer er war und warum er gestorben ist. Und insbesondere will man
wissen, warum er in dieser eisigen Bergeshöhe seinen Tod fand
und warum und wieso und weshalb...
Niemand kommt auf die Idee, diesem Menschen die Ehre zu geben,
die jedem Menschen gebührt: Ihm seine ewige Ruhe zu gönnen.
Und noch wichtiger wäre: ihm zu danken für die Warnung
und den Hinweis, den er uns gegeben hat. Nämlich zurück
zu kehren zur Einfachheit des Lebens, zur menschlichen Liebe, zum
Verstehen, zur Wärme des menschlichen Herzens, die er auf
so unbeschreibliche Weise in der Eiseskälte der Alpen für
uns bewahrt hat.
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