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In meinem Jahreshoroskop von We´moon steht, dass das Bild
für die Schützin in diesem Jahr eine „dick angezogene
Person ist, die eine Schicht Kleidung nach der anderen auszieht,
die nun wie Abfall zu ihren Füßen liegen“. Als
ich diesen Text Anfang dieses Jahres zum ersten Mal gelesen habe,
konnte ich nicht viel damit anfangen. Je weiter dieses Land jedoch
ins Land zog, desto klarer und eindringlicher zeichnete sich dieses
Bild jedoch vor meinem inneren Auge ab.
Als ich im Sommer Besuch von einer Freundin bekam, attestierte die
mir kurzerhand „Du hast dich verändert!“. Wie?
„Ich weiß auch nicht so genau. Irgendwie so, als wäre
weggefallen, was überflüssig war. Das liegt jetzt wie
abgefallenes Laub zu deinen Füßen.“ Ich habe schon
geschluckt bei diesen beiden Bildern, die sich da so ähnlich
waren, und es hat in mir eine Frage anklingen lassen, eine, die
mich schon länger beschäftigt. „Das Konstanteste
im Leben sein die Veränderung“ sagt eine Sentenz, und
ich habe immer schon gefunden, dass dieses Sprichwort sehr viel
Wahrheit beinhaltet. Auch wenn ich keine Ahnung habe, ob das nun
irgendetwas mit meinem Geburtsmonat zu tun hat und dass meinem Sternzeichen
eben diese Liebe zum Wandel nachgesagt wird. Ich habe mich aber
dafür zu interessieren begonnen, wie wir in unserer Gesellschaft
mit Veränderung sehen beziehungsweise, wie wir damit umgehen.
Konzepte von Veränderung
Als jemand, der mit den Lehren des Christentums erzogen wurde, lernte
ich früh, dass jeder Mensch sich ändern kann. So wurde
ich in der Schule oder in der Kirche mir Geschichten von solchen
Veränderungen gefüttert. Saulus und Paulus ist wohl das
Beispiel, an das ich mich noch am besten erinnern kann. Irgendwie
hatte ich aber immer das Gefühl, dass diese Transformationen
etwas sehr zielgerichtetes hatten und dass auch nur diese Veränderung
erwünscht war. Irgendwann habe ich für mich festgestellt,
dass dies wohl etwas mit der Wahrnehmung zu tun hat, die dem christlichen
Glauben inne wohnt. Da es eine klare Einteilung in Gut und in Böse
gibt, mussten auch Veränderungen diesem Muster folgen. So wie
Saulus eben von einem bösen Menschen zu einem guten Paulus
wird.
Als ich mich später vom christlichen Glauben verabschiedet
habe, hat sich auch meine Sicht auf Transformationen verändert.
Ich sah nicht ein, warum Veränderung nur eine Richtung haben
sollte. Veränderung ist eben Veränderung, und sie unterwirft
sich nicht einem engen Korsett von Schwarz und Weiß.
Das asiatische Modell von Veränderung ist weit weniger linear
als das christliche, Veränderung wird als Kreis(lauf) gesehen,
wobei verschiedene Phasen durchlaufen werden. Das Herzstück
der Transformation ist die Phase der Krise, in der chinesischen
Schreibweise das gleiche Zeichen wie Chance. Veränderung hat
in dieser Philosophie also sehr wohl etwas mit Schmerz und Ungemach
zu tun, die Kunst liegt aber darin den Edelstein im Kropf der Kröte
zu finden. Veränderung als eine Chance zu begreifen, als etwas,
das die Möglichkeit beinhaltet, sich selbst und sein Leben
immer neu zu definieren, hat etwas sehr Machtvolles und Positives.
Es bedeutet aber auch, dass es immer wieder den Mut brauch, das
bisher Vertraute zu hinterfragen und damit gleichzeitig aufs Spiel
zu setzen.
Unsere Kultur hat da wenig, um uns in diesem Prozess zu unterstützen,
was zur Folge hat, dass wir mit unseren Schwellenängsten allein
gelassen werden. Während das klar vorgezeichnete Lebenskonzept
längst an Bedeutung verloren hat und uns von allen Seiten die
Nachricht vermittelt wird, dass wir alles sein und alles tun können,
bekommen wir jedoch kaum Unterstützung, die Entscheidungen
zu treffen, die dafür nötig sind.
Sieht man sich Traditionen an, so fällt es jedoch leicht festzustellen,
dass dem nicht immer so war. So bot das christliche Leben zumindest
eine gewisse Form von Statuspassagen, womit rituelle Vorgänge
zur Bezeichnung von Veränderung bezeichnet werden. Heute kaum
mehr als leere Hülsen bezeichneten sowohl Firmung/Konfirmation
als auch Hochzeitsriten den Übergang von einer Lebensphase
in die andere – ein Mal den Eintritt ins Erwachsenenalter,
bei der Heirat den Übergang von einem unabhängigen Leben
in das der Eheleute. Vor allem für Frauen markierte dieser
Ritus meist den Übergang von der Ursprungsfamilie in die ihres
Ehegatten. Erlaubt man sich jedoch einen Blick hinter den christlichen
Schleier, so wird schnell klar, dass die Frau hier Abschied von
der ersten Lebensphase des Mädchens nahm und zur Frau/Mutter
wurde, also den Zyklus der Drei durchlief. Diese Lebensphasen wurden
auch durch die Farben der Kleidung ausgedrückt, so trägt
die Braut bei ihrer Hochzeit Weiß, die Witwe jedoch Schwarz.
Diese Tradition kann heute noch bei alten Frauen in Griechenland
beobachtet werden, die nach dem Tod ihres Mannes nur mehr schwarze
Kleidung tragen. Wie sehr diese Sitte heute patriarchal überformt
ist, zeigt sich daran, dass die Lebensphasen hier am Leben des männlichen
Parts ausgerichtet sind und nicht an den Lebensphasen der Frau selbst.
Andere Kulturen haben sich diese rituellen Zugänge zu Veränderung
jedoch viel stärker beibehalten. So finden sich bei indianischen
Kulturen spezielle Zeremonien zu Statusphasen für beide Geschlechter
– vor allem, um den Übergang von Kindheit zum Erwachsenenalter
zu markieren. Jugendphase gibt es hierbei keine, wobei sehr klar
wird, worum es sich bei dieser Zeit im Leben handelt und warum gerade
diese mit so vielen Krisen, aber eben auch Chancen gespickt ist.
Schwellenzeiten sind ein bedeutender Bestandteil von Veränderungen,
sie sind sozusagen die Stufe Null, die sowohl das größte
Potential, aber auch die größte Verunsicherung und Angst
beinhalten. Sich diesen Ängsten zu stellen war wiederum in
verschiedensten Kulturen Bestandteil von Übergangsriten, und
nicht nur die moderne Pädagogik ist gerade dabei, diese Qualitäten
wieder zu entdecken. In Visionssuchen oder „selbst gebastelten“
Riten werden junge Leute im Leben als Erwachsene willkommen geheißen,
ein kleiner Versuch jene Leere zu füllen, die durch das Verschwinden
des traditionellen Lebensgefüges entstanden ist, zu füllen.
Auf der anderen Seite gibt es aber noch wenige Zugänge jene
Veränderungen zu feiern, die nach unserem Einstieg ins Erwachsenenalter
passieren, jene tausenden und abertausenden von Häutungen und
Neuorientierungen, die wir durchlaufen. Manchmal erscheint es immer
noch, als würden wir das Leben als einen geraden Weg betrachten,
den wir unbeirrt entlang schreiten und nicht jenen ewig fließenden
Fluss, der uns Atemzug für Atemzug mit neuen Entscheidungen
konfrontiere, die beeinflussen, an welches Ufer der Strom uns als
Nächstes treibt. Und es gibt wenig, womit wir die Veränderung
begrüßen und feiern können, die uns wieder und wieder
die Chance gibt zu wachsen und abzustreifen, was überflüssig
geworden ist.
Ich habe mich für mich entschieden Schwellenzeiten zu umarmen
und sie als eine Zeit des Feierns und der neuen Möglichkeiten
zu sehen, statt darüber zu sinnieren, was die nächste
Transformation wohl bringen wird oder was ich dafür werde aufgeben
müssen. Ich glaube, dass mich diese Entscheidung auf eine seltsame
Weise „jung“ halten wird, ist dieser Begriff doch neben
vielen anderen (manchmal auch nicht sehr positiven Konnotationen)
zu einem Synonym für die Fähigkeit geworden, Veränderung
zuzulassen und Althergebrachtes auch einmal nicht sanft „gehen
zu lassen“. Und ich erfreue mich an der Stabilität in
meinem Leben, die ich dadurch gefunden habe, indem ich das akzeptiert
habe, was wirklich und immer konstant ist: Veränderung.
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