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Ich schicke euch Licht und Liebe,
Schwestern und Brüder!
Möge eür Leben immer im Licht sein und Liebe euch umfangen
wie ein zartes rosarotes Tuch! Licht und Liebe, dieser Gruss- beziehungsweise
Abschiedsformel bin ich auf meinen Ausflügen ins heidnische
Internet in der letzten Zeit so oft begegnet, dass ich manchmal
die Augen schliessen muss, um nicht von diesem ganzen Licht blind
zu werden. Würde ich dieses ganze Licht tatsächlich auch
in physischer Form empfangen, dann hätte ich wohl für
die nächsten Jahre mit Einschlafschwierigkeiten zu kämpfen,
weil mich der helle Schein ständig blenden würde.
Von all jener zuckersüssen Liebe, die ich da bekomme, würden
mir wohl bald alle Zähne ausfallen und meine Aura würde
aus rosaroter Zuckerwatte bestehen. Mit einem zahnlosen Lächeln
würde ich dann in den nächsten Engel- oder Elfenshop gehen
und meine halbblinden Augen an der Pracht der unzähligen hübschen
Darstellung kindlicher und meist blonder Lichtgestalten ergötzen.
Ich würde selig lächeln, wenn die nette Dame aus dem Esoshop
meine Hand nimmt und mir wissend ins Auge blickt: „Sie haben
die Christusenergie, nicht wahr. Ich kann es spüren!“.
Auf Wolken würde ich nach Hause schweben, Mantras des Inneren
Friedens vor mich hinsummend, und beim Betreten meiner bescheidenen,
hell ausgemalten Wohnung würde ich einen verzückten Blick
zu den Göttinnenstatuen werfen – Inanna, Sheila na Gig,
Lilith, Gaia, Queen of Heaven, Lilith, Brigid,
Corn Maiden, Lilith.
Verstörung
Licht und Liebe? Nicht so ganz. Die Düstere Königin. Herrin
der Dämonen. Gefallener Engel. Dunkle Mutter. Nachtmahr..
Und dann komme ich wieder zu mir, die rosaroten Zuckerwattewolken,
die gedroht haben, meinen Geist zu vernebeln, verziehen sich langsam,
aber sicher und machen schneidender Wahrheit Platz. Wo in all dieser
Licht und Liebe-Duselei, wo bei all den gehübschten Darstellungen
von Wesenheiten, seien es nun Engel, Fairies oder Göttinnen,
wo ist da der dunkle Aspekt geblieben?
Wenn im Forum diskutiert wird und die Frage nach der Kriegerin
oder dem Krieger auftaucht vergehen kaum vier Postings, bevor
jemand
schreibt: „Das finde ich aber nicht so schön. Lyndie
England ist auch Kriegerin, und was hat es ihr gebracht?“
(kein Originalzitat!) Ich möchte mich hier jetzt nicht auf eine
Grundsatzdiskussion einlassen, dass es auch eine archetypische Form
gibt, die sehr oft missgedeutet wird, allein das Licht und Liebe
Posting macht eine sinnvolle Diskussion schon unmöglich. Wir
wollen nicht hart sein, sondern sanft...
Wütend schauen wir auf das Christentum, eine Religion des Lichtes
und des Guten mit einer seltsam morbiden Fixierung auf sehr sehr
dunkle Aspekte. Den sterbenden Mann am Kreuz. Die Hölle in
all ihrer Verdammnis. Rührt jene Sehnsucht nach einer hellen
heilen Welt etwa daher, haben all jene Engelsläden und Fairyshops
mit den knuffig hässlichen Kitschfigürchen dort ihren
Ursprung.
Und wir als HeidInnen, die wir uns so sehr als Gegenpol zum Christentum
begreifen, fokussieren wir darum unsere Aufmerksamkeit so sehr auf
die helfende unf freundliche Seite derer, die wir in unseren Ritualen
anrufen. „Plüsch-Wicca“ wurde als leicht ironische
Bezeichnung dafür gefunden, als Nicht-Wicca möchte ich
den Begriff allerdings ein wenig erweitert wissen. Was ist los mit
diesem Plüschheidentum?
Wenn ich den Jahreskreis und die acht heiligen Tage/Nächte
feiere, dann würde es mir doch sehr schwer fallen, die dunklen
Aspekte dieser Feiertage einfach ausser Acht zu lassen. Wie einfach
und bequem ist es doch Lucia zu feiern oder Ostara, wie zart und
sanft ist die Qualität, die diesen inne wohnt. Als Plüschheidin
könnte ich mich eigentlich auf sie beschränken und im
Sinne eines aufgeklärten Ekklektizismus zu Halloween einfach
auf ein nettes Kostümfest gehen. Eine dazu passende Verkleidung
als Lichtengel würde ich dann sicher noch auftreiben können.
Was aber bedeutet es, die dunklen Aspekte gänzlich auszublenden,
die Grosse Mutter einzig und allein als nährendes Muttertier
zu verehren, nicht aber als Sau, die ihre eigenen Jungen frisst?
Flowerpower und Schattenselbst
Spricht frau heute mit vielen, die sich als den Alten Wegen anhängig
betrachten, dann erscheinen unsere VorfahrInnen in ihrer Verehrung
verschiedenster Götinnen und Götter oft wie die Urform
der Hippie-Bewegung mit dem ewig lustigen Lied auf den Lippen: „Give
Peace a chance.“ Diese historische Verklärung ist dann
ein mehr als guter Boden für den Plüsch, der sich sanft
aber erstickend um unsere Spiritualität legt, die Komplexität
und Vielseitigkeit der einzelnen Gottheiten erschliesst sich jedoch
erst, wenn auch Ihre dunkle Seite Anerkennung findet.
Ein gutes Beispiel hierfür ist meiner Meinung nach Inanna und
Ihr Abstieg in die Unterwelt. Der Mythos beschreibt in sehr starken
Bildern, wie die sonst so strahlende Himmelskönigin tiefer
und tiefer in die Unterwelt hinab steigt, wie körperlose Hände
Stück für Stück von Ihr fort reissen, was unnütz
ist. Und schliesslich angekommen im Herzen der Dunkelheit ist es
Ereshkigal, die Königin der Unterwelt, die Sie in Empfang nimmt.
An Haken wird der verrottende Körper der Göttin aufgehängt,
während das Fleisch faulend von den Knochen fällt.
Das Bild ist drastisch, sowohl in der Beschreibung als auch im Gehalt,
und es ist fernab von der schönen und strahlenden Erscheinung
der Himmelskönigin.
Warum wurde diese Erfahrung als so wichtig eingeschätzt, dass
sie bis ins Detail beschrieben, kein grausiges Detail ausgespart
wurde? Warum ist der Abstieg in die Unterwelt, die Begegnung mit
dem Schattenselbst ein so integraler Bestandteil verschiedener Religionen?
Und welcher Aspekt ist es, der erst hier begreifbar wird, dessen
Lernerfahrung auch den lichten Aspekt erst zu dem macht, was er
eben ist. Sowohl schamanische als auch magische Erfahrungen beinhalten
einen rituellen Tod, also die Vernichtung des Individuums, das bisher
war, um ein neues Wesen entstehen zu lassen. Rituell wird also der
Abstieg in die Unterwelt nachvollzogen und das nicht selten zu einem
sehr drastischen Punkt. So beschreibt James George Frazer in seinem
Jahrhundertwerk „Der Goldene Zweig“ die Initiation von
Schamanen indigener Kulturen als Ritus, der einen symbolischen Tod
beinhaltete. Der Anwärter musste eine Nacht lang im Grab eines
kürzlich Verstorbenen verbringen, um seine Einweihung zu vollenden.
Ohne die Symbolik nun wirklich quellentheoretisch oder auch wissenschaftlich
belegen zu können, so ist es doch eine Idee, die ich als diesen
Mythen oder Riten zugrunde liegend betrachten würde. Was, wenn
es darum ginge, sich eben nicht immer nur der hellen Seite zuzuwenden,
sondern auch den Mut zu haben, genau das andere zu tun, nämlich
in den Dunklen Spiegel zu blicken.
Was würden wir sehen, wenn alles fortgerissen würde, was
„unnütz“ ist, für so wichtig wir es auch bisher
gehalten haben mögen? Unseren Stolz, unser Wissen, unsere Schönheit...
Was würde dann noch überbleiben? Und welche Züge
würden plötzlich zu Tage treten? Unsere Schwächen,
unsere Ängste, unsere dunklen Träume und Erfahrungen?
Aber welche Kraft ist es auch, die wir dadurch gewinnen könnten?
Was ist es, dass die Dunklen Göttinnen und Götter auch
in einer Form anziehend macht, abgesehen davon, dass sie als integraler
Bestandteil des Lebensgeflechtes gesehen werden können.
Bei einem Workshop, den ich mit meiner besten Freundin und Herzensschwester
für Frauen angeboten habe, haben wir uns sehr stark dieser
dunklen Seite gewidmet, auch mit dem Ziel zu erfahren und zu erleben,
welche Kraft darin steckt, in den seidigen Mantel der Nacht zu schlüpfen.
Eine der sehr dunklen Frauengestalten, mit der wir dort gearbeitet
haben, war Medea.
Für diejenigen, die diese mythische
Fraengestalt nicht kennen, sei nur erwähnt, dass sie Tochter
des Königs von Kolchis ist. Als der Held Jason und seine
Argonauten dort hinkommen, um das goldene Vlies zu rauben, verliebt
sich Medea
durch einen Zauber der Aphrodite in den jungen Fremden.
Um ihm zu helfen betrügt sie ihr eigenes Volk, tötet den
eigenen Bruder und wirft ihn zerstückelt ins Meer, um die Flotte
des Vaters zur Umkehr zu zwingen. Später sorgt sie durch dunklen
Zauber dafür, dass ihr Gefährte den Thron seiner Heimat
besteigen kann, als sie aber von ihm betrogen wird, tötet sie
die eigenen Kinder und die neü Geliebte Jasons.
Am Ende fliegt sie auf einem von Drachenwagen davon, ohne der weltlichen
Gerichtsbarkeit zu unterliegen.
Die erste Regung vieler wird nun sein, diese Frauengestalt als böse
und daher ablehnenswert darzustellen, wie so oft lohnt aber ein
zweiter Blick. Betrachtet man nämlich die Entscheidungen, die
Medea im Laufe ihrer Geschichte trifft, so wird sehr schnell klar,
dass die Wahlmöglichkeiten, die sie hat, relativ begrenzt sind.
Jede dieser dunklen und wütenden Entscheidungen tragen dazu
bei, dass Medeas Macht trotz widriger Umstände erhalten bleibt.
Die wird nie zum Opfer.
Ist das die Qualität jener dunklen HeldInnen, die uns in Mythologie,
Literatur, Geschichte und sogar im Leben begegnen? Ist es ihre Kraft
dem Unausweichlichen zu trotzen und den Weg mit aller Konseqünz
ans Ende zu gehen?
Ich lade dazu ein, diese Ideen nicht auf der Ebene der Ratio anzudenken,
sondern auf symbolisch psychologischer. Welche Kraft kann auch darin
stecken, nicht Opfer zu sein und die Konsequenzen
der eigenen Handlungen und sogar der widrigen Umstände, denen
wir uns so oft ausgesetzt fühlen? Wohin führt es, diesen
Gedanken zum Ende zu denken.
Nur der Verstärkung wegen beschwöre ich hier noch eine
zweite sehr dunkle Frauen- und Göttinnengestalt. Lilith ist
eine Gallionsfigur der modernen Hexen- und auch Frauenbewegung,
sehr häufig werden die dämonischen Aspekte jedoch völlig
ausgeblendet. Ein Argument dafür ist, das Lilith eine „verketzerte“
(Hurwitz) Göttin ist, deren Bedeutung zweifellos eine sehr
grosse Wandlung durchlaufen hat.
Wie Medea trotzt jedoch auch Sie einem göttlichen Fluch und
nimmt alle Konsequenzen dafür auf sich. Macht Sie das sanft
und licht? Zweifellos nicht, Sie ist Fürstin
der Dunkelheit, Gefährtin des Abendsterns, des Gefallenen Engels
Lucifer. Es ist bezeichnend, dass diese Gestalt im christlichen
Kontext zum Teufel wird, aus der Dunkelheit des Engels und der Eulenfrau
werden das männliche und das weibliche Gesicht des Bösen.
Als Menschen, die grösstenteils mit den Dogmen des christlichen
Glaubens aufgewachsen sind, fällt es uns schwer, uns von diesem
Bewertungssystem loszusagen, und gerade bei Lilith und Samael/ Lucifer
wird es sehr klar, dass wir es oft nicht schaffen Dunkelheit von
dem zu trennen, was als „böse“ bezeichnet wird.
Bei jenen hier zitierten Workshops haben wir darum eine neue Terminologie
gefunden und diese für die Dauer der Arbeit für gültig
erklärt. Lich und Dunkelheit als Teil eines Ganzen, als unerlässlich
für das Gleichgewicht der Dinge, als einander bedingend. Finsternis
war das Wort, das wir für jenes Dritte fanden, dem wir auch
immer wieder begegnen, als etwas Verletzendes, das der Balance entgegenwirkt.
Als das, was aussen steht, „entartet“ ist.
Nun habe ich natürlich kein Patentrezept dafür fest zu
stellen, wo eines beginnt und das andere aufhört, wie so vieles
ist es der persönlichen Einschätzung des Menschen überlassen,
wo jene Grenze liegt, die Heilige Grenze oder auch das Heilende
Tabu. Paradox finde ich jedoch, dass gerade die Hinwendung zu einem
Extrem die Finsternis näher rücken lässt, weil das
Gleichgewicht gestört wird. Als Extrembeispiel sei hier die
Inquisition genannt, die sich einzig und allein dem Guten verschrieben
hatte und alles Übel gnadenlos tilgte. Die Nationalsozialisten
sahen den Genozid als eine Säuberung des Volkes, eine Ausrottung
der Dunkelheit.
Dies sind zweifellos Extrembeispiele, die Psychologie dieses Phänomens
wird hier meiner Meinung nach aber gut ersichtlich.
Die Reise
Ich möchte euch also einladen auf eine ganz besondere Reise
zu gehen, eine die euch nicht in das Blau des Himmel oder das warme
Braun der Erde führen wird, sondern in die eisige Kälte
der Nacht.
Schreitet hinab, Schritt für Schritt, fühlt die körperlosen
Hände, die nach euch greifen, an euch zerren, all das fort
reissen, was unnütz ist.
Blickt in den Dunklen Spiegel und sehr sein verstörendes Zerrbild,
spürt den dunklen Herzschlag und die Kraft, die in ihm liegt.
Werdet zu Narren und dunklen Clowns, deren Lust es ist, die eigene
Lächerlichkeit zu belächeln.
Und empfangt die Geschenke derer, die in der Dunkelheit zu Hause
sind: Morrigu, Ereshkigal, Loki, Lilith, Medea, Samäl...
Sie sind in keinem Fall sanft und oft nicht wohlig anzusehen, doch
auch sie können sehr heilsam sein, uns davon befreien Opfer
zu sein, uns Brünne geben, unser Herz zu schützen.
Ich wünsche euch die Süsse in der Bitterkeit des Schlangenkusses
und ein gesegnetes Samhain.
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