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Und damit sind wir auch schon beim Thema:
Nihon, oder in anderer Leseart¹ Nippon, bezeichnet das Land
der aufgehenden Sonne - Japan. Die genaue Übersetzung wäre
"Wurzel (oder auch Ursprung) der Sonne". Diese kleine
Insel irgendwo neben China ist im Moment echt "in"!
Hand aufs Herz - wer war in der letzten Zeit nicht Sushi essen,
hat ein Manga gelesen, ein Anime angeschaut oder besitzt ein Elektrogerät
aus japanischer Erzeugung (vorzugsweise natürlich einen Spielecomputer
mit dazugehörigen Spielen)?
Unvergessen sind auch die Bilder, die uns via Flimmerkiste frei
Haus geliefert werden: überfüllte Straßen, die neuesten
Entwicklungen am Computermarkt. Am besten gefallen mir aber Berichte
über die Sexualität der Japaner (nein, da gehört
kein "Innen" hin). Erwachsene Frauen verkleiden sich als
Schulmädchen um den geneigten Mann zu befriedigen. Sollte der
nicht seinen Kick dadurch bekommen, dass er an getragenen Unterhöschen
Minderjähriger schnuppert.
Genau diese mehr oder weniger unappetitlichen Vorstellungen hatte
ich im Kopf, als ich das erste Mal nach Japan reiste. Was mich dorthin
zog? Das wissen wohl nur die Alten, ich wusste es jedenfalls nicht
- weiß es bis heute nicht - und dennoch war ich fest entschlossen,
dieses fremde Land für mich zu erkunden. Was ich auf dieser
seltsamen Suche fand, war überraschend und bezaubernd und es
hatte zur Folge, dass "Nippon" einen festen Platz in meinem
Herzen gefunden hat.
Sie
ist die Sonne...
"Und die Große Erhabene Göttin des
Glänzenden Himmels war so erzürnt über den Frevel
Ihres Bruders, dass Sie sich voller Wut in eine Höhle zurückzog.
Doch was sollte nun werden aus der Welt, ohne Ihre wärmende
Hand, das lächelnde Gesicht der Sonne? Die Länder waren
in Dunkelheit und Trostlosigkeit gefangen und alle Göttinnen
und Götter kamen zu der Höhle um durch ihr Flehen und
Betteln das Herz der Leuchtenden zu erweichen. Amaterasu weigerte
sich aber ihre Zuflucht zu verlassen.
Als die Stimmen nun in Verzweiflung zu verstummen drohten, trat
plötzlich eine Gestalt aus der Menge. Auf einem umgekehrten
Waschzuber begann Uzume zu tanzen und die Anwesenden mit ihren derben
Scherzen zu unterhalten. Sie lüftete ihren Kimono und machte
Geräusche mit ihren Schamlippen, so dass die versammelte Menge
sich bald kaum noch halten konnte vor Lachen.
Angelockt vom Kreischen und Lachen lugte die Sonnengöttin ein
wenig aus ihrem Versteck und die Spaßmacherin war mit einem
Satz bei Ihr und hielt Ihr einen Spiegel vor das glänzende
Gesicht. Geblendet von Ihrer eigenen Schönheit trat Amaterasu
Omikami nun gänzlich ins Freie und nahm wieder Ihren Platz
am Himmelsthron ein."
(gekürzt und frei nacherzählt)
Und diesen Platz konnte Amaterasu sich bis zum heutigen Tage bewahren.
Während Patriarchat und Christentum rund um die Welt einen
Siegeszug antraten und Götter die Himmlischen Throne eroberten,
überdauerte der Glaube an die Sonnengöttin Jahrtausend
um Jahrtausend. Als Hauptgottheit des Shintoismus und Urahnin des
Kaiserhauses - und damit von ganz Japan - wird die "Glänzende"
als Höchste Königin gesehen, jeder Prinz, der an die Spitze
des Volkes tritt, tut dies als direkter Nachfahre der mythischen
Mutter des Landes.
Dies ist ein gänzlich anderer Aspekt einer Kultur voller Gegensätze,
die so unvereinbar scheinen wie die Existenz eines sozialen Turbopatriarchats
und des symbolischen und spirituellen Matriarchats. Es überrascht
nicht, dass es dennoch Männer sind, die das religiöse
Leben Japans prägen, sowohl im Shintoismus als auch in der
zweiten Staatsreligion - dem Buddhismus. Zwar sind in beiden Gruppen
auch Priesterinnen zugelassen, ihre Position ist aber schwächer
als die ihrer männlichen Glaubensbrüder.
Es
waren auch Priester, die mich in einer berühmten Tempelanlage
in Kyoto ansprachen, als ich ein wenig ziellos dort herumstreunerte.
Bis heute weiß ich nicht, ob sie es auf Englisch oder Japanisch
taten, woraus sich erkennen lässt, dass mein Verstehen sehr
gut mit "Bahnhof" zu kennzeichnen ist. Das Einzige, was
ich in dem Chaos stammelte, war ein etwas verwaschenes "Hai???"
(= Ja???).
Ich wurde angewiesen meine Schuhe auszuziehen, und einer der Männer
deutete auf eine Treppe, die neben einem kleinen Tempelhaus in die
Tiefe führte. Er hatte wohl bemerkt, dass ich nicht viel kapierte,
also nahm er einfach meine Hand und legte sie auf ein rotes Seil,
das wie ein Geländer an der Steinmauer befestigt war.
Ein wenig verwirrt, aber auch neugierig stieg ich hinunter in die
Tiefe, während das Licht immer weiter abnahm, bis ich am Ende
der Stiege ganz in Dunkelheit dahin tappste. Das Seil wies den Weg,
also folgte ich ihm wie Theseus dem Seil im Labyrinth, bis ich zu
einem kleinen Hohlraum kam, an dessen Wand ein runder, flacher Stein
befestigt war - darüber eine Tafel (auch in englischer Sprache),
die das Rätsel löste.
Noch heute erinnere ich mich an das überwältigende Gefühl,
als ich dort las, dass dies das Heiligtum einer Göttin war,
die Eingang ins buddhistische Pantheon gefunden hat. Drei Mal sollte
ich den Stein gegen den Uhrzeigersinn drehen und dabei einen Wunsch
sprechen, dann sollte ich dem roten Seil weiter folgen und den Weg
zurück ans Tageslicht antreten.
Der Priester lächelte nur, als ich mich bei ihm für das
wunderbare Erlebnis bedankte, und er meinte in gebrochenem Englisch:
"Sie ist unsere Mutter!"
Vielleicht liegt es an Erfahrungen wie diesen, dass ich mich eigentlich
fast überall daheim fühle, wohin ich gehe. Denn auf all
meinen Reisen, begegne ich immer Ihr - in so vielen Gesichtern
und unter so vielen Namen.
Sie ist es auch, die meine Erinnerung an Japan geprägt
hat, ein Land der Männer, das doch der Göttin geweiht
(und nach Ihr benannt) ist und das auch für die Kinder der
Alten Wege viel mehr bereithält als Sake und Geishas.
Und obwohl ich eigentlich dem westlichen Weg folge, habe ich eine
wunderschöne Gabe erhalten, nämlich das östliche
Gesicht der Göttin in all seinem Glanz.
Denn am Anfang war die Frau - die Sonne...
Ich danke Mhari
Hitomi für die tolle Erklärung zur Hintergrundinformation
für "Nihon" und für ihre Hilfsbereitschaft!
[1] In Japan werden vier
Schriftsysteme benutzt:
Hiragana und Katakana - beides sind Silbenschriftsysteme mit 46
Zeichen, ursprünglich sind es simplifizierte Kanji. Kanji wurden
im 6. Jh aus China importiert und haben pro Zeichen verschiedenste
Lesungen. Sie werden On-yomi und Kun-yomi genannt. Das eine ist
die japanische Lesung, das andere die Sino-Japanische. Nippon ist
die "offizielle" Variante; Nihon die rein "schrift-technisch-offizielle",
weil die Kanji Ni und Hon gelesen werden.
Da das aber recht holprig ist, sagt man: Nippon (füg wie ein
h bei den P ein - alle Vokale werden gleich betont.) aber: Nihon-jin
(Japaner/in) (auch wieder so ein Fall - das Kanji für Mensch
(jin) kann auch "hito" "bito" "nin"
gelesen werden) Nihongo (japanisch), Nihon-Ryori (japanisches Essen)
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