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Seit dem Jännervollmond lebe ich hier in einem kleinen Fischerdorf
und habe bisher nur die Sonne gesehen. Von der typischen Qualität
des Frühlingsbeginns keine Spur. In den Bergen steht seit Wochen
alles in Hochblüte und an den Küsten herrscht ewiger Sommer.
Wo also war die Energie des Neubeginnes, des Hervorbrechens, des
Frühlingsfunkens. Wo waren der junge Gehörnte und die
junge Jägerin?
Zu Imbolc hatte ich mir das Ziel gesetzt, Verbindung mit dieser
Erde hier aufzunehmen, die mir noch so fremd war. Der Plan war,
bis Ostara alles so vorzubereiten, dass die große Kontaktaufnahme
stattfinden konnte.
Beim letzten Halbmond begann ich, zumindest einmal meinen Körper
auf die Energie des Festes einzustimmen. Ich ließ den Tintenfisch
Tintenfisch sein und auch die köstlichen scharfen Mojos
(Saucen) der Insel strich ich von meinem Speiseplan. Ich setzte
mich auf Reisdiät. Was soviel heißt wie: Weißen
Reis essen, weißen Reis und nochmals weißen Reis. Da
es hier wirklich warm ist, spickte ich den manchmal etwas faden,
ungesalzenen Reis mit ein paar frischen Früchten oder abgekochten
Tomaten. Der Löwenzahn-, der grüne und der rote Tee halfen
dem Reinigungsprozess des Körpers noch ordentlich nach.
So war ich also frisch durchgeputzt und im Gleichgewicht - zumindest
auf körperlicher Ebene. Ich habe die Konstitution, dass ich
meine Prozesse immer auf körperlicher Ebene beginnen muss,
um sie anschließend auf energetische und mentale Ebene zu
transferieren. Gesagt getan...
Freitag,
21. März 2003, unter kuscheligen Decken, fünf Uhr morgens:
Der Wecker klingelt... Bei bester, wenn auch noch schläfriger
Laune krabble ich aus dem Bett, schnappe meinen vorbereiteten Rucksack,
suche nach den Turnschuhen und raus aus dem Haus. In der Dunkelheit
windet sich mein Weg über viele Kurven in die Berge. 40 Minuten
danach finde ich mich im Barranco de Guayadeque wieder, einem
Canyon von unglaublich wilder und bunter Schönheit, in dem
sich viele Felszeichnungen der Guanches, der kanarischen
Ureinwohner befinden.
Ich parke mein Auto am letzten Parkplatz, bevor es in die Unwegsamkeit
der Felsen und Büsche geht. Im Bergsteigeroutfit geht die Reise
in den Schoß der Göttin los. Es ist wichtig, hier kein
großes Aufsehen zu erregen. In der schwarzen Kutte, mit Athame
am Gürtel durch die Wildnis zu wandeln, ist nicht besonders
ratsam. Vor allem nicht in der Gegend, in der ich wohne. Ich wurde
schon mehrmals gewarnt: "Mein Kind, sei vorsichtig, hier in
der Gegend, das sind alles Hexen und Santeros!!!" In der Tat
gibt es sehr viel Brujeria hier - Hexenkunst. Keiner will
dran glauben, aber wenn der Nachbar lästig ist, dann steckt
man dem nächsten Santero Geldscheine zu, um dem Abhilfe zu
verschaffen. Mit Turnschuhen und Schlabberhose bin ich allerdings
gut getarnt, das Athame ist sicher im Rucksack verwahrt und all
meine Opfergaben an die Erde auch.
Das einzige, mit dem ich Aufmerksamkeit errege, ist meine österreichische
Nummerntafel. Mit der Taschenlampe stolpere ich über die ersten
Felsen und versuche, nicht in die mannshohen Kakteen zu fallen.
Nach etwa einer Stunde Fußmarsch offenbart sich mein Ritualplatz
- ein blühender, wilder Kirschbaum, an dessen Fuß sich
eine weiche, sandige Grube befindet.
Es beginnt zu dämmern...
Die Gesänge der Vögel begrüßen den Frühling.
Die Luft ist feucht, kühl und unglaublich erfrischend. Die
Sonne klettert über die Hänge und taucht den Canyon in
ein rotes Licht... die Blumen, Büsche und Kakteen leuchten
in knalligem Grün. Zum ersten Mal verstehe ich, warum dem Osten
auch die Farbe Rot zugeordnet wird!
Ob des schönen Schauspiels vergesse ich mein so schön
zurechtgelegtes Ritual. Ich stehe mit erhobenen Armen unter dem
Kirschbaum und stimme zuerst leise, dann immer lauter in das Gezwitscher
der Vögel ein. Als die Sonne schließlich ganz über
einem Felsen hochkommt, durchbreche ich mit einem lauten Ruf die
Zartheit des Frühlingsmorgens. Die Erde bebt unter mir oder
ich auf ihr - es ist ein Austausch an Energie, an Kraft. Ich gebe
und sie nimmt. Ich nehme und sie gibt.
Es ist der Schrei der jungen Göttin, der Jägerin, die
ihren Gefährten sucht.
Das Echo trägt meinen Ruf, den Wunsch nach Kameradschaft und
Symbiose hinaus auf die Insel. Mit zitternden Beinen hocke ich mich
in die sandige Grube und opfere diesem rauhen Land. Ich lege Äpfel,
Orangen, Eier und Samenkörner nieder und lasse Milch in den
Sand fließen. Langsam wird mir die Essenz dieses Frühlingsfestes
hier bewusst.
Zu Imbolc war noch nicht die Zeit, wirklichen Kontakt mit dem Land
und seinen Göttern aufzunehmen. Die Zeit danach war ein langsames
Herantasten, noch mit viel Zaudern und mit vielen Zweifeln behaftet.
Würde ich, als Österreicherin wirklich hier Fuß
fassen können? Abseits von den Touristenzentren und deutschen
Bierlokalen? Mein Entschluss wurde, je näher Ostara rückte,
immer fester.
Ich glaube, dass ich es heute geschafft habe, in Kontakt mit der
Erde hier zu kommen. Und die Erde hat mir heute, hier an diesem
Morgen ihre Zustimmung gegeben, dass meine Jagd beginnen kann. So
wie die Pflanzen aus der Erde sprießen!
Meine Jagd, meine Suche nach den Bräuchen und Ritualen der
Insel kann und darf beginnen. Das Land hat mir sein "OK"
gegeben und offenbart mir mehr und mehr seine Schönheit und
seine Mysterien.
Auch wenn ich kein Guanche bin und nie einer sein werde,
so habe ich zumindest Zutritt zu ihrer Welt erhalten. Ich möchte
das Land hier ehren und achten und es lieben. Es ist einmal mehr
der Körper der Göttin und in den Felsschluchten der Berge
jagt der junge Gott über die Hänge. Es ist nicht so viel
anders als in meiner österreichischen Heimat. Die Zyklen mögen
subtiler sein, aber auch hier herrschen die kosmischen Gesetze von
Werden und Vergehen. Man muss nur genau hinschauen.
Glücklich, zufrieden und ein bisschen aufgewühlt trete
ich um etwa 11 Uhr morgens den Rückweg an. Ich steige ins Auto
und fahre die unzähligen Kurven zurück an den Ausgang
des Tales. Ich halte am kleinen Museum, das ich heute morgen natürlich
nicht gesehen habe. Das erste, was mich dort empfängt, ist
eine riesengroße, nachgebildete Statue der Göttin Tara,
die seit langer, langer Zeit von den Guanches hier verehrt
wird...
Mein Staunen wird von lauten Regentropfen durchbrochen, die auf
das Glasdach prasseln. Ich blicke aus dem Fenster und sehe, wie
die Vegetation sich aufbäumt und jeden Tropfen des lebensspendenden
Wassers in sich aufsaugt...
Ja, heute ist wirklich Frühlingsanfang. Ich fühle mich
ausgeglichen - auf allen Ebenen ausgeglichen und angenommen - hier
auf Gran Canaria.
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