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Vorgeschichte
Im September 2002 trafen sich sieben Personen, um über das
Thema "Staatliche Anerkennung der Naturreligion" zu sprechen.
Der Initiator dieses Treffens hatte ein halbes Jahr vor dieser Zusammenkunft
ca. fünfzehn Gruppen über Briefe und Aussendungen eingeladen.
Es handelte es sich hauptsächlich um Gruppen, die sich zur
germanischen Religion bekennen.
An einem Wochenende wurden Ideen ausgearbeitet, es wurde diskutiert
und auch ein Kult abgehalten. Das Ergebnis dieses Treffens war,
dass drei Personen zum Schluss gekommen sind, dass das Vorhaben
für sie nicht das Richtige war. Ich bat um Bedenkzeit, ob ich
an dem Vorhaben teilnehmen würde oder nicht. Da einer der dort
Anwesenden in Wien wohnt und wir uns bei diesem Treffen gut verstanden
haben, trafen wir uns regelmäßig, um über das Thema
zu diskutieren. Dabei kamen auch Freunde hinzu, die "aktive
Heiden" sind. Wir setzten uns mit den einzelnen Schritten für
das Vorhaben im Detail auseinander, indem wir Expertenmeinungen
zu dem Thema einholten (Religionswissenschaftler, Juristen, etc.).
Anfang April 2003 distanzierte sich ein Teil, größtenteils
aus inhaltlichen Gründen von dieser Idee und ihrem Initiator.
Ich möchte nun ein paar Erkenntnisse anführen, die ich
in diesem halben Jahr gewonnen habe:
Gesetzeslage
- Zusammenfassung
Ich habe einen exzellenten Artikel im Web gefunden, der den Vorgang
und die Praxis der religiösen Anerkennung exzellent und ohne
viel Juristerei verständlich darstellt. Kapitel
V.1 und V.2 beschreiben das Problem der religiösen
Anerkennung in Österreich, sodass ich vor dem Weiterlesen jedem
empfehle sich diesen Artikel zuerst anzusehen.
Um eine staatliche Anerkennung der Religion zu erreichen, ist neben
anderen schwer erfüllbaren Bedingungen also eine Mitgliederzahl
von zwei Promille der Gesamtbevölkerung notwendig, was nach
der Bevölkerungszahl der letzten Volkszählung etwa 16.000
Mitglieder wären. Streng genommen würden demnach die Israeliten
mit 8.140 Mitgliedern und die Buddhisten mit 10.402 Mitgliedern
nach der letzten Volkszählung diese Hürde zur Anerkennung
gar nicht schaffen, wenn sie sich erneut um eine staatliche Anerkennung
bemühen müssten. Zwei von FOREF
erstellte Gutachten, die unter anderem das Gesetz zur Staatlichen
Anerkennung als Aberkennungsgesetz titulierten, betonten bereits
die Strenge des Gesetzes. Ohne Missionierungsgedanke (den ich ablehne)
ist es wahrscheinlich unmöglich 16.000 Menschen zu erreichen.
Auch wenn man sich zum Ziel setzen würde lediglich den Status
einer religiösen Bekenntnisgemeinschaft zu erlangen, wofür
nur 300 Mitglieder erforderlich wären, darf man auch nicht
dem Glauben verfallen, dass dies ein Vorgehen wäre, das von
heute auf morgen mit 300 Zusagen gelöst wäre. Diese 300
Leute müssten bereit sein, wenn nötig, von ihrem alten
Glaubensbekenntnis zurückzutreten und sowohl ihre persönlichen
Daten als auch die Wohnanschrift zu melden.
Dass ein Ansuchen um eine religiöse Bekenntnisgemeinschaft
bei Erfüllung der Kriterien nicht gleich eine Anerkennung nach
sich ziehen muss, sollte uns auch zu denken geben. Im Fall der BAHA´I
Gemeinschaft dauerte es 17 Jahre von der Antragstellung bis zum
Erreichen des Status einer religiösen Bekenntnisgemeinschaft.
Auch wenn uns andere Bekenntnisgemeinschaft durch ihr hartnäckiges
Bemühen vielleicht den einen oder anderen Weg geebnet haben,
ist und bleibt ein Streben für jegliche Form der Anerkennung
ein unsicheres Projekt ohne Erfolgsgarantie.
Die
Lehre
Über das Grundsätzliche herrschte bei den Beteiligten
(die ja einen ziemlich ähnlichen Hintergrund aufwiesen) relativ
schnell Einigkeit. Es wurde zum Beispiel angesprochen, dass sich
eine Naturreligion durch Jahreskreisfeste, Mehrgötterglaube,
Offenheit und Toleranz auszeichnet. Es war auch die Rede davon,
dass es Weihen geben sollte, wodurch jemand das Recht erwerben würde,
priesterliche Funktionen auszuüben.
Doch bei den Priestern begannen die ersten Diskussionen. Wie nennt
man diese Priester? Goden? Druiden? Goden/Druiden nach der Lehre
von xxx? Was ist mit denen, die sich heute Druiden oder Goden nennen?
Müsste dann nicht ein Standard festgelegt werden, dem alle
in priesterlicher Funktion zu entsprechen hätten? Was, wenn
jemand dann diesem Standard nicht entsprechen würde? Soll man
gegen den, wenn nötig auch über den rechtlichen Schutz
des Namens, gerichtlich vorgehen, um ihm die Verwendung dieser Begriffe
zu untersagen? Darüber gab es, wie zu erwarten war, sehr unterschiedliche
Auffassungen.
Ein nächster Punkt mit unterschiedlichen Auffassungen war
das Materielle. Sollte es hauptberufliche Goden/Druiden geben oder
sollte so ein Amt ehrenamtlich ausgeübt werden?
Herrschte zu Beginn eine wenig Euphorie, weil es in einigen Punkten
bereits Einigkeit gab, so zeigte sich mehr und mehr, dass die Differenzen
in den weiteren Dingen, gravierend waren und eine gemeinsame Lehre
nur dann möglich wäre, wenn man einzelnen Gruppen in verschiedenen
Punkten viel Spielraum zugestehen würde.
Bei diesem Treffen waren, wie bereits gesagt, vornehmlich Gruppen,
die sich zur Tradition der germanischen Stammesverbände bekannten.
Es wurde nie geprüft, ob sich die Ideen der einzelnen auch
mit den Vorstellungen anderer Gruppen decken würden.
Die
Heiden selbst
Leider gibt es Gruppierungen, in denen auch Menschen mitarbeiten,
die links- oder rechtsextremistisches Gedankengut pflegen. Ich bin
zwar der Meinung, dass in vielen Gruppen, die heute als links- oder
rechtsextrem verschrien sind, diese Leute eine Minderheit bilden.
Aber es ist eine Tatsache, es gibt sie!
Man kann jetzt von jeder Gruppe fordern, sich von allen Mitgliedern
zu distanzieren, die dieses Gedankengut pflegen. Allerdings stellt
sich die Frage, in wiefern man diese Mitglieder auch identifizieren
kann. Natürlich gibt es dann auch diejenigen, die dem Gedankengut
zwar abschwören, aber innerlich dabei bleiben und zu Schläfern
werden. Irgendein unscheinbares, einfaches Mitglied posaunt irgendwann
einmal angetrunken am Stammtisch irgendwelche Parolen heraus. Kampfheiden
aus einer anderen Gruppe greifen das auf und verurteilen daraufhin
die gesamte Gruppe. Schon gibt es innerhalb eines Verbandes einen
Krieg, der wahrscheinlich bis sicher zu einer Spaltung führen
würde.
Doch nicht nur politische Radikale könnten Probleme bereiten.
Auch das Auftreten mancher nicht politischer Heiden könnte
ein Fressen für die Zeitungen sein, um wieder einmal einen
Skandalartikel über "Sekten" zu schreiben. Plötzlich
steht in der Zeitung etwas von Satanismus, Kastrationsgier, besoffenem
Wikinger-Machogehabe, Christenfeindlichkeit, etc. Die Öffentlichkeit
würde wahrscheinlich von einzelnen Personen auf alle schließen.
Politik
und Öffentlichkeitsarbeit
Will man Anerkennung erreichen, muss man auch diplomatisch sein.
Oft darf man das nicht aussprechen, was man sich gerade denkt, weil
man sonst in den Medien falsch zitiert und zerrissen wird. Lediglich
eine kleine, kritische Anmerkung gegen das Christentum könnte
nach sich ziehen, dass einer Gruppe unterstellt wird extrem christenfeindlich
zu sein (Anmerkung: Ein Freund, der als Journalist bei einer seriösen
Zeitung arbeitet, sagte mir, dass sogar dort Kritik über das
Christentum ein Tabu sei und reißerische Artikel gegen nichtchristliche
Gemeinschaften viel Gehör fänden). Das heißt bei
Minenfeldthemen müssten sich die Köpfe so eines Dachverbandes
regelmäßig absprechen, um abzuklären, was jeder
zu einem bestimmten Thema sagen darf und was nicht - wobei eine
einheitliche Sicht der Dinge unbedingt nötig wäre.
Wenn man 16.000 Menschen erreichen wollte, dann muß man auch
missionieren. Da aber gerade Glaubensgemeinschaften, die missionieren,
einen besonders schlechten Ruf haben, wäre das ein Teufelskreis.
Abgesehen davon, dass die Missionierung in einigen naturreligiösen
Gruppen von Haus aus absolut keine Rolle spielt, im Gegenteil, sogar
nicht erwünscht ist.
Das
Oberguruprinzip
Irgendwann stellt sich die Frage: Wer ist der Kopf des Dachverbands?
Wieder abgesehen von der Vorstellung einer staatlichen Anerkennung,
für die ein "Oberhaupt" ohnehin definiert sein muss!
Einzelne Gruppen werden wahrscheinlich ungern einem Fremden vertrauen
wollen, der dann das gesamte Heidentum repräsentieren müsste.
Das heißt, diese ideale Person, die dem Dachverband als Vorstand
zur Verfügung stünde, müsste quasi eine Lichtfigur
sein, die möglichst charismatisch, belastbar, intelligent,
diplomatisch, organisatorisch begabt ist, eine natürliche Autorität
ausstrahlt und einen möglichst guten Ruf innerhalb der Gruppen
und in der Öffentlichkeit hat. Gibt es diese Person? Meines
Wissens, nein! Ist es möglich, dass eine derartige Person überhaupt
existiert? Meinem Gefühl folgend, schwerlich!
Und selbst wenn es diese Person gäbe, wollte eine derartige
Lichtgestalt diese Verantwortung und den Stress überhaupt auf
sich nehmen? Immerhin heißt das jahrelanges Debattieren, Streiten,
Überzeugen, usw. und das ohne Entgelt oder Zusicherung auf
Erfolg!
Wer leitet dann also diesen Dachverband? Es gibt viele, die den
Idealismus haben, aber dieser Sache nicht gewachsen wären.
Somit blieben vielleicht nur mehr Leute, die diese Qualitäten
spielen könnten, aber dafür etwas Ruhm, Gold und Ehre
erlangen wollen. Ich vermute auch, dass schnell das passieren könnte,
was in vielen anderen Organisationen ebenso passiert. Der Oberguru
hebt ab und wird arrogant und blind. Warum sollte es auch nicht
so sein - wo wäre es anders??
Regionale
Probleme und Distanzen
In dem Vorhaben zeigte es sich sehr bald, dass es eben nicht möglich
ist über E-Mail und Telefon alle offenen Fragen erschöpfend
und für alle zu klären. In unserem Fall war es unmöglich,
dass man sich eben schnell ins Auto setzt, um 600 km zu einer Besprechung
zu fahren. Wenn man nun auf eine größere Gruppe umrechnet,
wird es auch schwer überhaupt ein Treffen zu organisieren,
zu dem alle kommen können.
Fazit
Diejenigen, die letztlich beschlossen haben aus diesem Vorhaben
auszusteigen, kamen zu dem Schluss, dass aufgrund der vorliegenden
Situation eine staatliche Anerkennung unmöglich ist. Man kann
nun mutmaßen, wie es in der Zukunft sein wird, doch vielmehr
sollte man die Energie auf ein anderes Ziel lenken.
Wir kamen zu dem Schluss, dass es vorläufig das Beste wäre,
im regionalen Bereich andere Gruppen kennen zu lernen, um Erfahrungen
und Wissen auszutauschen und um Feste gemeinsam zu feiern. Entsteht
einmal ein regionaler Kreis aus Heiden unterschiedlichster spiritueller
Ausrichtung, in dem sich die Leute untereinander gut kennen und
auch verstehen, kann über weitere Schritte nachgedacht werden,
die dann das Heidentum generell aber auch den Einzelnen selbst weiter
bringen könnten.
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