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Nun wird man freilich fragen, was Besonderes dran ist am Arrangieren
eines Sommerfestes. Aber so ganz einfach ist das in unserem Falle
nicht, denn zu eben dieser Zeit ist ja auf der ganzen Welt, und
somit auch bei uns, Weihnachten! Freilich kann man als Heide sagen:
Das geht mich alles gar nichts an, denn Weihnachten feiern wir nicht.
Aber langsam mit dem Urteilen! Es lässt sich nicht verheimlichen,
dass nahezu alle anderen Menschen in unserer Umgebung Weihnachten
feiern und eine ganz besondere Stimmung in der Luft ist. Dazu kommt
bei uns noch, dass Sommer ist und wir auch von daher ein wenig Mühe
haben, mit diesen Weihnachtsliedern in den Geschäften, dem
Einkaufsrummel und all dem, was drum herum ist, die richtige Jahreszeit
- nämlich den Sommer - zu feiern.
In den ersten Jahren in Neuseeland, also vor 12-13 Jahren, haben
wir uns gar nicht um Weihnachten gekümmert und unser Sonnwendfest
am 21. Juni gefeiert. Wir haben Nachbarn und Freunde eingeladen
und es war auch ganz nett. Aber irgendwie hat etwas nicht gestimmt!
Nach dem zweiten Mal wussten wir, was es war. Die Leute sind ein
paar Tage vor Weihnachten einfach nicht in der Stimmung zu einem
Fest, das darüber hinaus auch noch ganz anders ist als Weihnachten.
Man ist irgendwie in der Hektik der Weihnachtsvorbereitungen gefangen,
ob man dies nun will oder nicht.
Wir haben also darüber nachgedacht, was da zu machen sei und
sind zu dem Schluss gekommen, dass wir das Fest einfach mit Weihnachten
gleichlegen sollten, auch wenn die Sonnwende ein paar Tage vorher
ist. Seitdem klappt es wunderbar. Wir feiern am 24. Dezember am
späten Nachmittag unser Fest und es kommen all diese Freunde,
die ohnehin kein Weihnachten feiern, aber doch irgendwie mit einem
Fest diesen Tag, an dem die ganze Welt feiert, begehen wollen. Interessanterweise
fühlen sich nämlich die Menschen an Weihnachten ein wenig
einsam, falls sie keine Familie haben. Gleichgültig ob Weihnachten
im Winter oder im Sommer ist. Wir sind also ein wenig ein Auffangbecken
geworden für solche einsamen Seelen. Natürlich kommen
auch solche Freunde, die wirklich Heiden sind und aus diesem Grunde
mit uns feiern.
Was wir feiern ist klar: den Höchsstand der Sonne, die Kraft
des Lichtes und der Wärme, die Energie des Sommers, die männliche
gebende und befruchtende Energie. Gleichzeitig denken wir natürlich
auch an die Mutter Erde, die diese Energie empfängt und fruchtbar
wird, für uns sorgt und uns mit ihren Gaben reichlich beschenkt.
Aber nun zum Ablauf des Festes
Auf unserer Festwiese steht noch der Maibaum, den wir am 1. November
(bei uns Frühling!) aufgestellt haben. Wir holen aus dem Wald
große Zweige von Pinien, Zypressen und Totara (ein einheimischer
Nadelbaum) und bilden damit einen übermannsgroßen Busch
um den Maibaum (siehe Foto). Dieser Busch wird geschmückt mit
Blumen.
Das eigentliche Fest beginnt dann mit dem Entzünden eines
Feuers, auf dem wir dann später unser Abendmahl grillen werden.
Wir danken dem Feuer, als Symbol für die Sonne, für seine
Wärme und die befruchtende Energie. Dann machen wir aus Heu
kleine Puppen. Beim Anfertigen dieser Heu- oder Strohpuppen denkt
und arbeitet jeder seine unangenehmen Eigenschaften und Fehler hinein.
Dies macht ziemlich viel Spaß, manche Puppen werden richtige
Kunstwerke und andere sind ein wenig zerfleddert. Aber die Schönheit
spielt keine so große Rolle. Die Hauptsache ist der Inhalt,
also unsere Fehler. Oft verpacken wir diese ja auch wunderschön.
Aber so schön sie auch aussehen werden (sowohl die Fehler als
auch die Puppen), sie werden dann einzeln im lodernden Feuer verbrannt
und man wünscht, dass die bösen Eigenschaften mit verbrennen.
Bei jeder Puppe, die in Rauch und Flammen aufgeht, wird die Trommel
gerührt und wir tanzen um das Feuer herum. Das ist ein Mordsspaß.
Aber so soll es auch sein, ein Sommerfest ist lustig und beschwingt.
Wenn dann alle bösen Eigenschaften verbrannt sind, springen
wir über das Feuer. Meistens springt jeder mit jedem. Das soll
die Freundschaft festigen. Auch das läuternde Element des Feuers
spielt eine Rolle. Wir werden also alle sauber, geläutert und
sind nun ohne jeden Fehler (!!!). Das ist ein wunderbares Gefühl
und wir können uns nun erlauben, in diesen geläuterten
Körper auch einige kräftigende Nahrungsmittel reinzustecken.
Die ganze Springerei hat ja auch ziemlich Energien gekostet, die
muss man schleunigst wieder ergänzen! Das Feuer ist ein wenig
heruntergebrannt, die Zeit ist fortgeschritten und wir sind alle
hungrig. So schmecken also die gegrillten Würstchen und auch
für die Vegetarier gibt es reichlich zu essen.
Lange sitzen wir dann noch um das Feuer, singen und musizieren
und genießen die warme Sommernacht. Und wenn mal ausnahmsweise
eine kühlere Nacht sein sollte, dann können wir immer
noch das Feuer ein wenig anfachen, das uns die Wärme gibt,
nach der wir alle verlangen. Auch nicht zu vergessen die Wärme,
die aus unseren Herzen ausstrahlt und uns eine große Familie
sein lässt.
Ihr seht, sehr zeremoniell geht es bei diesem Sommerfest nicht
zu. Aber das ist gerade das Besondere am Sommer, er ist fröhlich
und lustig und wir genießen in erster Linie diese Stimmung.
Beim letzten Fest hatten wir noch eine ganz besondere Freude. Meine
Schwester hatte uns besucht und aus Deutschland eine CD mit bayrischer
Tanzelmusi (auf Hochdeutsch: Tanzmusik) mitgebracht. Meine Frau
hatte sie aufgelegt und plötzlich fingen alle an zu tanzen.
Das war nun wirklich lustig, hier im Kiwi-Land diese bayrischen
Tänze aufzuführen. Ich habe sogar versucht, unseren staunenden
Freunden einen Schuhplattler vorzutanzen. Und meine Schwester ist
ohnehin eine Tanznudel, die kann gar nicht mehr aufhören. Da
sie fünf Jahre jünger ist als ich, war es auch nicht erstaunlich,
dass dann mir zuerst der Atem ausging. War echt lustig! Ein Sonnwend-Weihnachtsfest
mit Schuhplattler und bayrischer Musik vor der Kulisse des neuseeländischen
Busches!
Ich wünsche euch allen dort drüben im fernen Europa,
dass ihr auch ein schönes Sommer-Sonnwendfest feiern könnt.
Euer Kiwi-Werner
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