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Gegen sieben Uhr weckt mich mein unter meinem Dach wohnender Siebenschläfer
auf. In den ersten Nächten hatte ich ziemliche Angst, da ich
nicht wusste, wer diesen unglaublichen Lärm verursachte. Nun
weiß ich es, es ist ein Siebenschläfer, der mittlerweile
schon auf meine Stimme reagiert. Der erste Griff ist der nach der
Taschenlampe oder nach dem Feuerzeug, um eine Kerze anzuzünden.
Noch steif von der nächtlichen Kälte krabble ich aus meinem
Bett und schlüpfe ins Gewand. Ein prüfender Blick durchs
Fenster ob Wildschweine in meinem Innenhof sind und raus in die
Nacht.
Um halb acht Uhr treffe ich in der Bibliothek ein, wo wir unsere
morgendlichen Übungen machen. Zumeist Chi-Gong, manchmal auch
Yoga oder Meditationen mit Bewegung. Danach gibt es Frühstück.
Kiwis, Orangen und Joghurt von den hofeigenen Kühen. Kaum zu
glauben, dass wir erst vor zwei Wochen Kiwis geerntet haben...ich
dachte immer, es seien tropische Früchte, die Wärme brauchen...Weit
gefehlt, sie wachsen auch hier, in der rauhen Gegend im westlichen
Spanien. Die Orangen stammen ebenfalls aus eigenem Anbau, sie wachsen
weit oben am Berg, nahe der tibetischen Stupa, die für Meditationsretreats
erbaut wurde. Und da steht sie - ganz friedlich und harmonisch -
neben dem 200 Jahre alten Ziegenstall, wo Pedro und Enrique täglich
ihre Ziegenherde für die Nacht unterbringen.
Nach dem Frühstück geht es an die Arbeit. Ich bin im
Moment dabei, Rosen zu züchten und den Garten für das
Frühjahr vorzubereiten. Doch manchmal fällt die Gartenarbeit
aus, da der Boden so hart gefroren ist, dass die beste Hacke nichts
auszurichten vermag. Mit Kochen wechseln wir uns momentan ab. Ungefähr
ein oder zwei Mal pro Woche heißt es Küchendienst. Wir
sind sehr wenig Leute im Moment. Aber das ist normal sagen alle.
Nur wenige bleiben freiwillig im kalten und feuchten Winter hier.
Tja, hier sitze ich nun am Kamin und mache mir Gedanken, wie ich
Euch erklären kann, wie mein spirituelles Leben hier aussieht
- und um die Wahrheit zu sagen, ich weiß es nicht so ganz
genau.
Vieles, was noch vor wenigen Monaten so bedeutsam war für mich,
ist es nun nicht mehr. Tägliches Studieren von Büchern
über Götter, Mythologie ist nicht mehr, dafür bin
ich abends von der Arbeit und vom vielen Wandern zu müde. Das
Gedanken machen über passende Kerzenfarben erübrigt sich
- ich habe nur weiße und die sind dafür da, um mein Haus
zu erhellen. Ausserdem muss gespart werden und mehr als eine Kerze
kann für ein Ritual nie und nimmer verwendet werden. Ach ja,
die Rituale - um ehrlich zu sein, ich habe hier noch kein einziges
Ritual im Freien gemacht. Aber ich bin den ganzen Tag draußen
und bin froh, wenn ich abends ein Dach über dem Kopf habe.
Manchmal kommt es mir so vor, dass alles, was ich in den letzten
Jahren als Hexe erfahren und lernen durfte, dahin ist. Ich fühle
mich wieder wie am Anfang, wie ein kleines Kind, das die Welt mit
grossen, neugierigen Augen entdeckt. Ich fühle die pulsierende
Kraft der Erde unter meinen Füßen, ich sehe die Sterne
am Nachthimmel und die Mondin in ihrem Kreislauf. Ich sehe die Wolken
ziehen und das Wasser den Bach hinunter rinnern. Begebenheiten,
die einfach nur sind...
Mein Verständnis von Hexe sein ändert sich hier sehr grundlegend.
Weitab von meinen Schwestern und Brüdern versuche, ich meinen
Weg ganz allein weiterzugehen. Und wenn morgens die Sonne den Monte
Jalama, den heiligen Berg bescheint, an dessen Fuß wir wohnen,
dann weiß ich, dass ich um nichts in der Welt in die Wiener
Altbauwohnung zurück will. Und dann weiß ich auch, dass
das tägliche Leben mit der Natur und ihrer Kraft tief an meine
Ursprünge rührt und mir eine Kraft zurückbringt,
die ich in der Stadt niemals so spüren konnte. Welche Rolle
spielen da noch Kerzenfarben oder seitenlange Invokationen?
Seit ich hier lebe, habe ich niemals mehr einen Gott oder eine Göttin
invoziert. Wozu auch? Sie sind hier bei mir, sie leben und sind
mit mir.
Als ich von Wien weggegangen bin, hatte ich das Gefühl, mit
offenen Armen in die Leere zu springen, nicht wissend, was mich
hier wirklich erwartet.
Hier bin ich nun, und finde jeden Tag die Götter neu. Nicht
in großartigen Ritualen oder Buchseiten, sondern im Ginsterwald
vor meinem Haus, in den Wildschweinen in meinem Innenhof, in der
vereisten Brücke, im Stier und in meiner Angst vor ihm. Ich
finde die Göttin in den alten Ziegenställen, die vor hunderten
von Jahre auf dieser Erde erbaut wurden.
Ich liebe diese Erde hier und damit liebe ich auch die Göttin
und mich selbst!
Und diese Erkenntnis macht mich unheimlich glücklich. Und die
Nacht ist nicht mehr ganz so kalt, die Wildschweine nicht mehr ganz
so bedrohlich und die Füße nicht mehr ganz so feucht.
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