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"Es ist sehr gut, dass du noch Jungfrau bist. Wir haben euch
für etwas auserwählt, das eine große Ehre ist. Ihr
sollt Maikönig und Maikönigin sein! Du, Gundewyn, wirst
die Beltanejungfrau sein!" Ich bin so überrascht, dass
ich keine Worte finde und die beiden Alten nur mit großen
Augen anschaue. Schließlich frage ich ungläubig: "Die
Beltanejungfrau, ich?" Es ist die größte Ehre, die
einem Mädchen widerfahren kann, das weiß ich. Ich kann
es noch nicht glauben, warum ausgerechnet ich? Und welche Freude,
dass Bidur der Maikönig sein wird und kein Fremder! Welch ein
Glück für mich!
Bodo erklärt uns den Grund ihrer Wahl: "Wir haben euch
erwählt, weil wir gesehen haben, dass ihr euch liebt. Es ist
eine besonders starke Kraft, die von liebenden Menschen ausgeht.
Maikönig und Maikönigin sollten Fremde sein und nicht
aus dem gleichen Dorf stammen. Es ist also alles perfekt, da ja
Bidur ursprünglich nicht von hier ist. Es war nur noch die
Frage offen, ob du noch Jungfrau bist. Aber zum Glück, das
ist ja jetzt auch geklärt. Die Göttin hat euch beide an
meinem Haus vorbeigeführt und mir gezeigt, dass ihr es sein
sollt. Es ist also eine Entscheidung der Göttin, nehmt diese
Ehre in Freude und Dankbarkeit an." Wir stehen beide auf, auch
Burga und Bodo haben sich erhoben. Die Wahl der Göttin ist
auf uns gefallen, wir sind tief bewegt und ergriffen. Ich gehe auf
die beiden Alten zu und küsse ihr Hände, als Zeichen dafür,
dass ich weiß, welche Ehre und Verantwortung ich auf mich
nehmen muss. Auch Bidur geht auf die Alten zu und verneigt sich
vor ihnen. Auch für ihn ist es die gleiche Ehre, denn er wird
den Segen des Himmels und die männliche befruchtende Kraft
auf die Erde bringen, wenn er sich an Beltane mit mir vereinigen
wird. "Ich sehe, dass ihr beide würdig seid und ich freue
mich, dass wir mit Hilfe der Göttin die richtige Wahl getroffen
haben."
Burga ergreift nun meine rechte und Bidur's linke Hand und sie sagt:
"Ihr beiden müsste uns auf Ehre versprechen, dass ihr
bis Beltane nicht mehr alleine zusammen kommt und dass Gundewyn
Jungfrau sein wird am Beltanetag. Bitte, gebt dieses Versprechen
ab vor mir und vor Bodo, dem Ältesten!" Wir versprechen
beide, dass wir uns alleine nicht mehr treffen werden bis Beltane
und dass ich Jungfrau sein werde am Festtag. Die Alten sagen uns
noch, dass wir einige Tage vor dem Fest zu ihnen kommen sollten,
um den Ablauf und unsere Aufgaben zu besprechen, dann legen sie
uns noch die Hand auf unser Haupt und entlassen uns.
Als wir vor der Türe stehen, fassen wir uns schnell noch
bei der Hand und drücken sie ganz fest. Wir müssen ja
jetzt auseinander gehen. Ich sage noch zu Bidur: "Es wird schwer
sein, dich nicht zu sehen so lange." "Ja", nickt
Bidur, "es wird nicht leicht werden, aber es sind ja zum Glück
nur noch drei Wochen. Ich kann es noch gar nicht fassen, was da
mit uns geschehen soll!" "Auch ich bin ganz verwirrt",
sage ich, "aber jetzt müssen wir leider auseinander gehen,
damit wir unser Versprechen erfüllen." Wir drücken
uns nochmals fest die Hände und sagen uns noch schnell, dass
wir uns lieben und dann müssen wir uns trennen und lange drei
Wochen warten auf uns.
Mit sehr gemischten Gefühlen gehe ich nach Hause. Ich werde
drei Wochen nicht mit Bidur zusammen kommen dürfen. Jetzt,
da wir uns gerade erst gefunden haben und da es so schön war,
in seinem Arm zu liegen und zu spüren, wie seine Küsse
dieses neue wunderbare Gefühl in mir wachriefen, jetzt müssen
wir getrennt sein für drei Wochen! Es wird mir erst jetzt richtig
bewusst, wie sehr ich ihn schon liebe, jjetzt, da ich weiß,
dass ich ihn eine Weile nicht sehen kann. Aber die anderen Gefühle
sind aufregend und großartig. Ich werde die Beltanejungfrau
sein! Welche Ehre für mich und meine ganze Familie! Je näher
ich meinem Haus komme, umso mehr wächst meine Erregung. Was
werden meine Eltern sagen, wenn sie diese gute Nachricht erfahren?
Mein Herz läuft fast über vor Freude und in Erwartung
der wunderbaren Dinge, die da kommen werden, so dass meine Mutter
mir sofort anmerkt, dass etwas geschehen ist, kaum dass ich den
Fuß in unser Haus gesetzt habe.
"Kind, was ist denn geschehen, du siehst ja ganz verändert
aus!" Sie kommt auf mich zu und schaut mir in die Augen. "Ich
sehe, dass es etwas Freudiges ist, aber es muss auch etwas Großes
sein, ich sehe es an deinen Augen!" "Ja, Mutter, es ist
etwas Wunderbares geschehen", sage ich. "Ich weiß
noch gar nicht, wie mir geschehen ist und mein Kopf ist ganz wirr
und ich werde ein wenig Zeit brauchen, um wieder klar zu werden."
"Ja, um alles in der Welt, nun sage schon, was es ist und spann
mich nicht so auf die Folter!" Auch mein Vater ist herbeigekommen
und er fragt: "Was ist denn los, erzähle schon!"
Da hole ich tief Luft und lasse sie heraus, die große Neuigkeit:
"Ich werde die Beltanejungfrau sein dieses Jahr und Bidur ist
der Maikönig und - wir lieben uns schon!" Da schreit sie
auf vor Glück und umarmt mich so stürmisch, dass sie mich
fast erdrückt. Auch mein Vater lacht und drückt mich an
sich. Und beide küssen und drücken mich, dass ich mich
kaum retten kann. Dann muss Mutter sich hinsetzen, sie ringt nach
Atem vor lauter Aufregung. Sie hebt die Hände gegen den Himmel
und ruft aus: "Dank der Göttin, dass ich das noch einmal
erleben kann!"
"Wieso sagst du: noch einmal?" frage ich. "Ach Kind,
ich hätte es dir demnächst ohnehin gesagt, so kann ich
es auch jetzt sagen. Du bist ja jetzt erwachsen geworden und ich
darf nicht mehr "Kind" zu dir sagen. Ich war nämlich
auch einmal die Beltanejungfrau und du bist das Ergebnis davon!"
Das ist natürlich wieder eine riesige Überraschung und
ich denke mir, was mag denn noch alles kommen? Ich glaube, ich habe
an diesem einzigen Tag mehr Überraschungen erlebt als mein
ganzes bisheriges Leben zusammen. Aber die Mutter spricht weiter:
"Ja, es war wunderbar damals. Allerdings habe ich deinen
Vater vorher noch nicht gekannt. Du hast es natürlich besser.
Wie herrlich muss es sein, mit dem Geliebten vermählt zu werden!
Aber bei uns war es anders. Er war von einem anderen Dorf, wie es
ja meistens ist und unser Dorf hatte ihn gebeten, der Maikönig
zu sein. Aber wir haben uns sofort verliebt an diesem Beltanetag.
Es war alles so aufregend und wunderbar! Wir haben sofort gespürt,
dass wir zusammen gehören. Das gemeinsame Erlebnis von Beltane,
als wir uns liebten als Gott und Göttin - ach Gundewyn, wie
soll ich es dir erklären, du wirst es ja selbst erleben - es
war so wunderbar, es ist nicht möglich, es zu beschreiben.
Wir mussten einfach beisammen bleiben, die Göttin hat uns zusammengeführt
und wir haben es nicht bereut bis zum heutigen Tag, stimmt es?"
Sie schaut ihren Mann an und er nickt zustimmend und sie lachen
sich an. Ich weiß es ja, dass sie sich lieben und dass sie
es schön zusammen haben!
"Diese Nacht damals", fährt sie fort, "werden
wir beide wohl nie vergessen und der Segen der Göttin ist bei
uns geblieben; und du, unsere Tochter, du bist gezeugt worden in
dieser Nacht und jetzt wirst du selber die Beltanejungfrau sein,
wie fügt sich doch alles so wunderbar zusammen! - Aber jetzt
werden aufregende Tage kommen, du wirst es sehr schnell erfahren,
was es heißt, die Beltanejungfrau zu sein!"
Ja, da hatte sie recht. Es waren sicher nur wenige Stunden vergangen,
da hatte sich die Kunde im ganzen Dorf verbreitet. Meine Mutter
hatte es nur der Nachbarin gesagt, aber das war genug! Nun merke
ich, welche Ehre es ist, die Beltanejungfrau zu sein, denn alle
Dorfbewohner kommen herbei und beglückwünschen mich. Alle
freuen sich über die Wahl und sie sagen mir, wie gut ich es
hätte, dass ich Bidur schon liebe und dass er so ein freundlicher
junger Mann sei. Auch, dass dann gleich nach Beltane die Hochzeit
sein soll, das finden alle großartig, denn eine Hochzeit in
einem Dorf, das ist ja immer eine besonders große Sache!
Meine Mutter stellt ein kleines Tongefäß neben dem
Eingang auf, wie es der Brauch ist und alle Besucher legen dort
eine oder sogar mehr Münzen hinein für den Kauf der silbernen
Kette, die ich von Bidur am Beltanetag bekommen sollte. Diese Kette
würde mir Bidur umhängen, wenn wir zusammen geschlafen
hatten als Zeichen dafür, dass wir die Riten vollzogen hatten
und ich würde sie behalten dürfen als Erinnerung an diesen
Tag. Nach ein paar Nächten gehen dann die Männer hinaus,
um den großen Baum zu fällen, der der Maibaum sein soll.
Alle Mädchen und Frauen gehen hinaus vor das Dorf, um sie und
ihren Baum zu begrüßen und willkommen zu heißen.
Wir sehen sie kommen, Bidur ist der erste, denn auch er wird geehrt.
Sie tragen einen mächtigen Baum auf ihren Schultern und man
sieht es ihnen an, dass sie schwer tragen an dieser Last. Sie sind
in Schweiß gebadet und ihre Schritte sind schwankend. Ich
muss ihnen nun entgegen gehen und den Willkommensgruß darbringen.
Als ich sie erreiche, bleiben sie stehen und sie keuchen und schwitzen
unter der Last. Bidur aber blinzelt mir zu und ich blinzele zurück
und freue mich. Dann muss ich aber meine Pflicht erledigen, ich
verbeuge mich vor den Männern und ihrer Arbeit und vor dem
Baum auf ihren Schultern und ich sage den Willkommensgruß.
Ich spreche noch ein Gebet und den Dank an die Götter und dann
gehe ich ihnen voraus in das Dorf hinein und die Frauen und Mädchen
folgen uns hinterdrein. Am Dorfplatz legen die Männer den Baum
ab und sie strecken ihre Glieder und schütteln die Arme und
sind sichtlich erleichtert, dass sie die schwere Last los sind.
Nun darf ich ihnen den Erfrischungstrunk reichen und jeder nimmt
ihn mit Freude und mit einer Verbeugung von mir an. Als erster kommt
Bidur an die Reihe und ich drücke schnell seine Hand, um ihm
zu zeigen, dass ich ihn liebe. Ich bin so froh, dass ich ihn wenigstens
wieder sehen kann, meinen Geliebten, nach dem ich mich so sehr sehne!
Ich werde sehr geehrt und geachtet und die Männer danken mir
und ich kann mir schon ein wenig vorstellen, wie es sein wird, wenn
ich an Beltane im Mittelpunkt stehen werde! Ich spüre ein leichtes
Angstgefühl, wie ich da in der Mitte stehe und alle auf mich
schauen. Wie wird es erst sein, wenn Beltane ist?
Ich habe nicht viel Gelegeheit an diesem Tag mit Bidur zu sprechen.
Aber ich kann ihm doch noch schnell zuflüstern, dass ich ihn
liebe und dass ich mich freue, dass wir bald beisammen sein werden.
"Ein wenig Angst habe ich auch vor all dem Neuen und vor dem
Fest", raune ich ihm noch zu. Er drückt schnell meine
Hand und tröstet mich: "Es wird schon nicht so schlimm
sein. Auch ich habe ein eigenartiges Gefühl im Magen. Aber
es wird schon gut gehen und die Hauptsache ist doch, dass wir dann
beisammen sein können unser ganzes Leben lang!" Ach ja,
ein ganzes Leben lang mit Bidur beisammen zu sein, wie schön
wird das sein! Ich sehne mich so, seine Nähe zu spüren
und in seinem Arm zu liegen. Zum Glück sind es nur noch wenige
Nächte!
In dieser Zeit vor dem Fest wechseln Freude und Angst ständig
ab. Besonders die Erfahrungen dieses einen Tages, als die Männer
den Baum geholt hatten und ich schon einen Vorgeschmack bekommen
hatte, wie es war, im Mittelpunkt zu stehen, machen mir Angst. Aber
dann überwiegt doch die Freude auf das Fest und auf das gemeinsame
Leben mit Bidur. Zum Glück vergehen diese Tage sehr schnell.
Sie sind ausgefüllt mit Arbeit und den Vorbereitungen für
das Fest. Auch die Männer sind beschäftigt, sie schälen
den mächtigen Baum und bemalen ihn mit einer Spirale, die sich
von der Spitze des Baumes bis hin zur Erde windet, in den Farben
weiß und blau, den Farben des Regens und des Lichtes, damit
das Wasser und das Licht der Sonne die Erde fruchtbar machen würde.
Die Frauen und Mädchen aber sind beschäftigt mit dem Zubereiten
des Festmahles, sie kochen und backen.
Dann ist der große Tag gekommen! Schon am Morgen versammeln
sich alle jungen Mädchen vor unserem Haus und bringen Arme
voll Blumen mit. Es werden Blumensträuße und Girlanden
gebunden. Zum Teil sind sie dafür gedacht, um die Häuser
festlich zu schmücken. Der Hauptschmuck der Häuser werden
Birkenzweige sein, die die Männer aus dem Wald holen und rechts
und links von den Eingangstüren aufstellen. Wir werden dann
Blumensträußchen hineinhängen. Aber die meisten
Blumen sind gedacht für mich, sie sollen mein Festgewand sein.
Da hören wir auch schon die Rufe der Männer, die mit den
Birkenzweigen kommen. Unruhe entsteht plötzlich unter den Mädchen
und sie schauen nach ihren Geliebten aus. Die Männer bewundern
dann auch gebührend unsere Arbeit und manch eine bekommt schnell
einen Kuss von ihrem Auserwählten. Nur Bidur ist nicht dabei.
Ich weiß, dass er die Stunden vor dem Festbeginn in der Stille
zubringen muss. Ich werde mit dem Küssen noch ein paar Stunden
warten müssen, aber dann..... Die Hände zittern mir, als
ich daran denke, was alles geschehen wird.
Dann scheuchen die Mädchen die Männer davon, sie hatten
ihre Liebesbeweise erhalten und alle Welt konnte sehen, dass sie
einen Freund hatten. Jetzt war keine Zeit mehr für Liebeleien,
die Nacht würde Gelegenheit genug bieten dafür. Es war
noch Arbeit zu tun und die Männer dürfen ja auch nicht
dabei sein, wenn ich geschmückt werde. Bis Mittag arbeiten
wir und haben große Freude damit. Dann essen wir eine Kleinigkeit,
es ist im Moment nicht so wichtig, denn das Festmahl am Abend wartet
ja auf uns, da ist es ganz gut, ein wenig hungrig zu sein! Dann
wird es Ernst, es ist die Stunde gekommen, da ich nicht mehr eine
von den anderen bin, ich werde geschmückt und zur Maikönigin
gemacht.
Ich muss nun meine Kleider ablegen und meine langen Haare werden
sorgfältig gekämmt. Dabei werden die kleinen Blumensträuße
hineingeflochten, immer drei Blumen sind es, die heilige Zahl drei,
es sind unendlich viele Blumen, fast bestehen meine Haare nur noch
aus Blumen und sie umhüllen meinen Körper bis fast zu
den Hüften. Zusätzlich bekomme ich noch eine bunte Blumenkrone
auf das Haupt gesetzt. Dann kommen die kunstvoll gebundenen Girlanden,
eine bekomme ich um den Hals gehängt und eine schlingen sie
mir um die Taille. Auch um die Arme und Beine winden sie Ketten
aus Blumen. Die Mädchen betrachten mich zufrieden und auch
die älteren Frauen sind inzwischen gekommen und alle bewundern
mich. "Du siehst aus wie die Blumengöttin", sagen
sie, "weißt du, dass sie später in eine Eule verwandelt
wurde, der Vogel mit dem Blumengesicht? Sieh' zu, dass dich dein
Bidur nicht auch verwandelt!" Sie lachen alle und eine der
älteren Frauen sagt: "Er wird sie verwandeln, aber nicht
in eine Eule, sondern in eine Frau!" Wieder lachen alle, ich
aber fühle mich nicht so recht wohl, während sie so über
mich reden. Aber zum Glück ist keine Zeit mehr für Späße,
das Fest soll beginnen, ich bin fertig! Die Männer werden schon
ungeduldig warten auf dem Dorfplatz. Die Frauen kämmen schnell
noch ihre Haare, rücken ihre Kleider zurecht und dann setzt
sich der feierliche Zug in Bewegung. Die Männer brechen in
ein großes "Hallo" aus, als sie uns kommen sehen,
sie formen einen großen Kreis um uns und umtanzen uns, indem
sie sich mit lautem Geklatsche auf die Schenkel, die Brust und die
Arme schlagen. Mit den Füßen stampfen sie die Erde, dass
es nur so dröhnt. Wir Mädchen aber stehen in der Mitte
und drehen uns anmutig im Kreise und jede sucht mit ihren Augen
nach ihrem Geliebten. Aber Bidur ist immer noch nicht dabei.
Als der Tanz beendet ist, mischen sich die Frauen und Männer
und die Mädchen lehnen sich an ihre Freunde an, auch die verheirateten
Frauen gehen zu ihren Männern. Ich kann gut sehen, welche Paare
sich noch lieben und nahe beisammen stehen und welche sich gleichgültig
geworden sind und wie zwei Fremde zusammen stehen. Ich aber stehe
ganz alleine jetzt in der Mitte des Platzes und komme mir ein wenig
verloren vor. Wie gut, dass ich so mit Blumen geschmückt bin,
da habe ich nicht mehr so stark das Gefühl, dass ich nackt
bin. Es ist zwar nichts Besonderes, eine nackte Frau zu sehen, denn
wir baden immer zusammen im Fluss und es war sicher keiner im Dorf,
der mich nicht schon nackt gesehen hatte. Aber so in der Mitte zu
stehen und dann auch noch nackt zu sein, das ist trotzdem etwas
anderes als beim Baden. Ich sehe an mir herunter und sehe all die
Blumen. Wie fremd sehe ich aus, bin ich das denn wirklich oder bin
ich schon die Göttin, die gleich die Felder segnen wird? Aber
es ist nicht viel Zeit zum Nachdenken, wir singen jetzt alle zusammen
das Beltanelied. Der Holzstoß wird angezündet und der
Dudelsackpfeifer spielt dazu. Jetzt tritt der alte Bodo vor den
Baum, der noch am Boden liegt und wir sprechen alle mit ihm ein
Gebet an den Baum, bitten ihn um Verzeihung, dass wir ihn gefällt
haben und bitten ihn, für uns und alle Lebewesen die Fruchtbarkeit
aus der Höhe des Himmels in die Mutter Erde hereinzubringen
für dieses Jahr.
Die Männer gehen nun daran, den Baum aufzustellen mit jeweils
zwei Stangen, die sie oben zusammengebunden haben, so dass eine
Gabel entsteht, mit der sie den Baum anheben. Es ist eine schwere
Arbeit, man kann sehen, wie sie sich plagen! Bodo ist inzwischen
zu mir gekommen, er verbeugt sich vor mir, denn ich bin ja jetzt
die Maikönigin. Er hält mich bei der Hand und ich fühle
mich nicht mehr so verlassen im Mittelpunkt. Als der Baum halb aufgerichtet
ist, halten sie inne mit der Arbeit und sie stellen die Stangen
so hin, dass er halb aufgerichtet stehen bleibt. Alle Leute gehen
jetzt zu dem Loch, in dem der Maibaum zur Hälfte schon darinnen
steht und sie bringen ihre Opfergaben an die Mutter Erde dar. Jeder
bringt eine kleine Gabe, die sie in das Loch werfen. Ein Stück
Brot, Getreide oder ein wenig Milch. Jeder, der an mir vorüber
geht, verbeugt sich vor mir. Als alle geopfert haben, wird der Baum
völlig aufgestellt und alle klatschen in die Hände und
jubeln. Sie haben wieder einen großen Kreis gebildet und ich
weiß, gleich wird Bidur kommen. Da rufen einige auch schon:
"Er kommt!" Da sehe auch ich, wie die Mutter Burga ihn
in den Kreis hereinbringt. Er kommt auf mich zu, reicht mir die
Hand und alle klatschen wieder und jubeln und sie rufen, was für
ein herrliches Paar wir sind. Wie wunderbar sieht auch Bidur aus.
Auch ihn hatte man geschmückt, wenn auch nicht so wie mich.
Aber der Kontrast ist wahrscheinlich sehr eindrucksvoll. Er trägt
nur eine Bundhose und auf dem Haupt hat er einen riesigen Kranz
von gelben Blumen, er ist ja der Sonnengott, der die Energie des
Lichtes und der Wärme auf die Erde und auch in mich bringen
soll. Um den Hals aber trägt er eine wunderbare silberne Kette
und ich weiß, diese Kette werde ich bekommen, als Zeichen
dafür, dass wir den Dienst an der Göttin und für
unser Dorf getan haben und ich die Energie des Gottes empfangen
habe. Ja, das Herz schlägt mir hoch, wie wir so voreinander
stehen und uns an den Händen halten und das Volk jubelt.
Der Dudelsackpfeifer beginnt jetzt mit einer schnellen Weise und
ich weiß, dass wir jetzt tanzen müssen, in einer Spirale
um den Baum herum, immer enger werdend bis in den Mittelpunkt hinein,
den der Maibaum bildet. Ich fange an, mich zu drehen, drehe mich
immer weiter in großen Kreisen um den Baum herum und meine
blumengeschmückten Haare fliegen um meinen Kopf. Bidur aber
tanzt um mich herum, er klatscht auf die Arme und Beine und auf
die Brust und sogar auf die Fußsohlen, dann wirft er sich
auf die Erde, springt wieder auf und tanzt in wilden Sprüngen
um mich herum. Ich aber drehe mich im Kreise, dass mir Hören
und Sehen vergeht! Zusammen ziehen wir den Kreis immer enger und
schließlich erreiche ich den Baum. Ich bin so schwindelig
geworden, dass ich den Baum umfange, aber trotzdem sinke ich hin
auf den Boden. Das Volk begleitet unseren Tanz mit Klatschen und
Stampfen und es ist ein solcher Lärm, dass man nur mit Mühe
den Dudelsackpfeifer hören kann. Jetzt aber hört der Pfeifer
auf und die Leute jubeln uns zu. Es dreht sich noch alles um mich
herum, obwohl ich auf dem Boden liege und den Baum umklammere, glaube
ich, dass alles um mich herumfliegt. Auch Bidur sehe ich, wie er
anscheinend um mich herumsaust, obwohl er jetzt ruhig neben mir
steht. Alle Leute, die außen im Kreis um uns stehen, drehen
sich, die ganze Welt dreht sich. Ich schließe die Augen, atme
tief und versuche, wieder zu mir zu kommen. Ich denke, ich liege
auf einer Töpferscheibe, die sich dreht und in der Mitte der
Scheibe ist ein Gefäß, dieses Gefäß bin ich.
Es soll angefüllt werden, damit es dann wieder entleert werden
kann über die Erde hin, damit sie fruchtbar sein soll. Bidur
wird mich füllen mit der Kraft des Gottes und ich bin das Gefäß.
Aber wie lange würde sich diese Töpferscheibe noch drehen
müssen?
Da spüre ich, wie mich jemand anhebt. Es ist Bodo, der mir
hilft, wieder auf die Beine zu kommen und Burga steht neben ihm.
Die Leute sind jetzt still geworden. Bodo und Burga reichen mir
und Bidur einen Becher. Sie sagen, es sei der Trunk der Göttin
und wir sollten trinken.
Ich trinke diesen Becher leer. Es schmeckt süß und
bitter gleichzeitig und füllt meinen Bauch mit Wärme,
ja meinen ganzen Körper erfüllt dieses Getränk. Sogar
in die Beine und Arme fühle ich es fließen. Dann spüre
ich ganz deutlich, wie es in meinen Kopf steigt und ich fühle
mich plötzlich ganz leicht und beschwingt. Alles tritt ganz
weit weg von mir, die Leute und die Häuser sehe ich in großer
Ferne! Alles ist weit weg. "Göttin", sagt Bodo zu
mir und ich höre auch seine Stimme wie aus großer Ferne,
"Göttin, bitte segne unsere Felder, damit alles fruchtbar
werde und der Zyklus des Lebens erfüllt wird. Segne aber bitte
vorher noch die Opfertiere."
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