|
Das muss man sich einmal vorstellen! Mein Selbstbild war dermaßen
entstellt, dass in meiner Vorstellung meine indischen Wurzeln wie
weggeblasen schienen. So stark versuchte ich in eine Gesellschaft,
in der die meisten anders aussehen als ich, hineinzupassen. Man
stelle sich vor, ich ging zum Beispiel auf der Straße spazieren
und wurde angesprochen "Ahhh, so eine schöne Perserin!"
In mir zog sich alles zusammen (abgesehen davon, dass ich keine
Perserin bin...) "Ich bin aber Wienerin!" Dann entbrannte
der innere Dialog "Die Leute sind ja blind! Schau ich wie eine
Perserin aus???" Und zu dem muss ich wohl hier nichts mehr
anfügen...
Es war auch so, dass ich fast keinen Kontakt zu meinen indischen
Wurzeln hatte, meine Eltern waren geschieden, und meinen Vater (er
ist Inder) hab ich wohl alle 4-6 Jahre einmal kurz gesehen. Bis
jetzt.
Wie das Leben so spielt, habe ich den Kontakt zu meinem Vater durch
den Tod eines anderen Familienmitglieds wiedergefunden. Irgendwie
verrückt, das eine geht und das andere kommt... Und ich war
mitten drin und sehr verwirrt. Besonders, als eines lieben Morgens
in der Arbeit ein Gespräch zu mir durchgestellt wurde "Du,
da ist dein Vater dran! " Für viele eine ganz normale
Situation, aber ich war buchstäblich aus dem Häuschen
und brachte kein gerades Wort heraus. Verdutzt saß ich da,
als mein Vater mir immer und immer wieder den folgenden Satz vorsagte:
"A daughter will always be a daughter and a father will always
be a father." ( "Eine Tochter wird immer eine Tochter
sein, ein Vater wird immer ein Vater sein." ) Ich hatte einen
Vater! Freude kam auf, ich sprang herum und versuchte auch meine
bessere Hälfte dafür zu begeistern was mit "Cool!"
bestätigt wurde.
Rückblickend ist es so, dass mein Vater gerade rechtzeitig
in mein Leben getreten ist. Ohne ihn, und ohne meine indische Familie
hätten wir es wohl kaum geschafft. Diese Menschen hatten mich
vielleicht zuletzt als Baby gesehen, und doch wurde ich von der
ganzen Familie mit offenen Armen empfangen!
Fast so, als wenn wir nie getrennt gewesen wären. Da ist es
mir warm ums Herz geworden, denn ehrlich, derartige Vorkommnisse
kenne ich nur aus TV-Serien. Ich lernte meine Cousins, Tante und
meinen speziellen Liebling, den kleinen Shiva kennen, der mich und
meinen Mann jedes Mal mit einem Lächeln, strahlend wie der
Sonnenschein, begrüßt : "Wer bist du?"
"Sivvvaaaaaaaa" . Da muss man Lachen, man kann gar nicht
anders.
Meine erste Bekanntschaft mit meinen Wurzeln hat mir das Konzept
der Familie nähergebracht, und als ich weiter stöberte,
fand ich noch mehr.
Da gibt es zum Beispiel noch meinen Onkel, von indischer Seite.
Ich habe mich per E-mail bei ihm gemeldet, kein Problem, alle erinnern
sich an mich. Er war es, der mich der religiösen Seite etwas
näher gebracht hat. Wir waren bei ihm eingeladen, zum Essen
versteht sich, denn das ist so Sitte mir kommt es vor, als
verließe man einen indischen Haushalt nie ohne etwas im Bauch
oder in Händen zu haben. Wie auch immer, es war an diesem Abend
spät geworden und wir durften prompt in seinem Schlafzimmer
übernachten! Und genau dort fand ich dann einen kleinen Altar
vor. Es war schon dunkel und so leuchtete alles umso mehr: Wo fange
ich am besten zu beschreiben an?
Es war ein kleiner Altar, bedeckt mit einem roten Tuch. Darauf befanden
sich Bildnisse von Göttern, Familienbilder, Fotos vom Besuch
der heiligen Stätten, Zeichnungen seiner Töchter. Davor
stand eine Öllampe, die jeden Tag angezündet wird, etwas
zum Räuchern, Geld als Gabe für die Götter und eine
spezielle Paste. Mit jener betupft er die Stelle des siebenten Chakras
bei allen Göttern auf seinem Altar und auch bei dem Bild seiner
Urgroßmutter. Es ist ein Zeichen der Verehrung. Nun ich stand
vor diesem Altar und war überwältigt. Es leuchtete alles
rot-gelblich. Es schien soviel Energie auf mich einzuwirken, ich
konnte meine Augen gar nicht abwenden. Und ich entdeckte noch etwas
auf seinem Altar: ein Pentagramm! Graviert mit Hindi-Texten, umgeben
von einer Lotusblüte. Ich war erstaunt! Da steht groß
und breit ein Pentagramm auf dem Altar meines Onkels und
er ist Hindu!
Nun, wir wurden in diesem Raum schlafen geschickt und irgendwie
glaube ich, dass dies die volle Absicht meines Onkels war. Der Raum
war sehr schön, aber zum Schlafen eher unbehaglich! Da waren
mindestens sechzehn Augenpaare diverser Gottheiten auf mich gerichtet,
und da sollte ich sanft einschlafen? Und über dem Bett waren
riesige Bilder meines verstorbenen Großvaters und meiner verstorbenen
Urgroßmutter aufgehängt!
Da möchte man am liebsten Reißaus nehmen! Noch dazu hatte
meine Urgroßmutter auf dem Bild die Augen geschlossen, es
war, als hätte man ein Bild von ihr aufgenommen, als sie schon
tot war. Mein Onkel hat es aber aufgeklärt: Denn genau an diesem
einen Tag, als der Fotograf im Dorf vorbei kam und das Foto schoss,
hielt meine Uroma in diesem Moment ihre Augen geschlossen. Das kann
passieren, aber nun ist dies das einzige Foto, das wir noch von
ihr haben.
Ich habe es an jenem Abend geschafft einzuschlafen, irgendwann
verschwammen alle Bilder vor meinen Augen und die Öllampe ging
aus. Und dann war es doch ganz schön, in der Mitte von allem
zu schlafen, mit dem ich innerlich und äußerlich so stark
verbunden bin.
|