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19. Juni 1989 - Sommersonnenwende
Das Jahr geht nun
langsam auf seinen Höhepunkt zu. Die Tage
sind lang und scheinen sich nur für kurze Zeit zur Ruhe zu
begeben, um bald darauf in Vogelgezwitscher wieder zu erwachen.
Als wären sie der kurzen Frist gewärtig, in der es ihnen
noch vergönnt ist zu wachsen, verströmen sie sich in
Licht und Leben. Sogar im dichten Häusermeer der Stadt ist
es unmöglich sich diesem gesteigerten Lebensgefühl zu
entziehen. Der Gott des aufsteigenden Jahres tanzt den wirbelnden,
atemlosen Tanz, der in seinen Tod mündet. Sein dunkler Zwilling
wartet schon in der Gewissheit seiner baldigen Herrschaft; die
wiederum wird mit der Neugeburt des anderen enden, Weihnachten,
dem Gegenstück der Sommersonnenwende, wenn das Licht wieder
zunimmt - ein ewiger Kreislauf. Aber, noch ist es nicht soweit.
Georg und ich schmieden Urlaubspläne. Ich möchte so
gerne einmal nach England, genauer gesagt nach Glastonbury, dem
alten Avalon der Gralslegende. Dort vermute ich mit großer
Gewissheit meine Apfelbaumwiese. Doch in diesem Jahr ist dieser
Wunsch wohl unerfüllbar. Durch Georgs Restschulden sind
wir finanziell einfach zu eingeschränkt, aber nächstes
Jahr, wenn wir fleißig sparen, dann, ja dann wird mein
sehnlicher Wunsch sich sicherlich erfüllen! Diese Urlaubswochen
werden wir im Waldviertel, dem Österreichischen Norden,
verbringen. Alfreds Kinder gehen noch zur Schule und haben daher
erst ab Juli Ferien. Er will uns seinen umgebauten VW- Bus borgen,
also sind wir bezüglich Quartier und Verpflegung unabhängig
und das bedeutet zwei Wochen Freiheit! Wir freuen uns auf stille
Wälder, versteckte Teiche, Pilze und auf das Schlafen unter
dem klaren Sternenhimmel. Wir haben mit Myriam ausgemacht, dass
sie sich währenddessen um unsere vielen Grünpflanzen
kümmert. Sie wiederum freut sich auf zwei ruhige Wochen,
die sie in unserer Wohnung, fernab ihrer turbulenten Wohngemeinschaft
- die bei Tag und Nacht summt wie ein Bienenstock - verbringen
kann. Sie muss sich auf eine schwierige Prüfung vorbereiten,
die sie noch vor Beginn der Ferien ablegen will.
Als sie knapp vor unserer Abreise kam um meine Instruktionen bezüglich
der Zimmerpflanzen zu erhalten, musste ich sie unbedingt über
unser eigenartiges Haustier aufklären, ich wusste nur nicht
genau, wie ich es ihr erklären sollte.
„Myriam, ich muss dir noch etwas Wichtiges sagen... es ist... na, sagen
wir einmal, etwas ungewöhnlich...", begann ich zögernd. „Gibt
es eigentlich bei dir etwas, was nicht ungewöhnlich ist, Mama? Ich glaube,
ich bin bei dir auf fast alles gefasst. Also, sag schon, hast du vor auf dem
Besen ins Waldviertel zu reiten, oder hast du irgendwelche ungewöhnlichen
Hausgenossen, die mich aufs Blut erschrecken werden?" Das war scherzhaft
gemeint gewesen, doch sie konnte nicht wissen, wie sehr sie damit ins Schwarze
getroffen hatte. „Wieso weißt du?", konnte ich nur verblüfft
fragen. Nun erzählte ich ihr von der Katze und wie sie zu uns gekommen war.
Meine Tochter nahm diese Mitteilung seltsam gefasst auf, sie war wohl, bezüglich
ihrer Mutter, nicht mehr so leicht zu erschüttern. Ich bemerkte nur, wie
sie mich manchmal prüfend ansah, wenn sie glaubte, dass ich es nicht bemerkte.
Fürchtete sie wohl, ich hätte den Verstand verloren?
23. Juni 1989
Es war die Nacht der Sonnenwende und wir hatten unser Nachtlager
auf einem Hügel, unter einem alten, knorrigen Bergahorn
aufgeschlagen. Wir lagen auf weichem Moos, warm in unsere Schlafsäcke
verpackt, während die Sterne in feierlicher Prozession ihrem
nächtlichen Weg folgten.
Trotz des kleinen Feuerchens - ein großes hatten wir uns
nicht zu entzünden getraut - war es ziemlich kühl und
auch etwas feucht, denn dieser Teil unserer Heimat folgt seinen
eigenen klimatischen Gesetzen. Wie ein Relikt aus versunkenen Äonen
liegt es im Norden der Donau, ein Hochland, dessen bewaldete Hügel
den Rumpf eines riesigen, urtümlichen Tieres zu bilden scheinen.
Kommt man aus dem östlichen Tiefland, führt der Weg zuerst
durch den schon fast südlich anmutenden, fruchtbaren Teil
des Donautals, die Wachau. Hier wächst auf eiszeitlichen Lösterrassen
ein zartblumiger, süffiger Wein und während der Marillenblüte
findet man als spontan anreisender Tourist fast kein freies Zimmer.
Aus dieser mild - lieblichen Landschaft, der einstigen Nordgrenze
des Römischen Reiches, führt die gut ausgebaute Strasse,
durch Weinterrassen stetig ansteigend, empor in ein raues, karges,
auch viel ärmeres Land. Der Kontrast könnte nicht größer
sein. Wie ein strenger Wächter reckt sich bald darauf ein
Gneisfelsen neben der Strasse empor. An diesem Tor enden schlagartig
die bis hierher schon schütterer gewordenen Weinpflanzungen,
das Hochland beginnt. Man bekommt das Gefühl einer fast körperlich
spürbaren Verlangsamung, alles wird leiser, gedämpfter,
bescheidener, auch die Menschen, die hier leben. Der häufig
auftretende Nebel verwischt die scharfen Konturen, rundet, verhüllt.
Hier wird nicht scharf unterschieden, geurteilt, analysiert, nein,
auch die Menschen wirken manchmal so seltsam unbestimmt wie die
verlaufenden Grenzen von Erde und Himmel. Dieses Land wirkt eigenartig
anziehend auf viele Menschen aus der Grosstadt, hier gibt es die
meisten sogenannten Aussteiger, die sich aus Künstlern, randständigen
Intellektuellen, Träumern und Neobauern zusammensetzen. Auch
wir waren vom ersten Kontakt an dieser Landschaft verfallen, immer
häufiger waren in letzter Zeit unsere hier verbrachten Wochenenden
und freien Tage gewesen.
Als mein Geist im Zwischenreich von Wachen und Schlafen schwebte, sich weder
hier noch da endgültig niedergelassen hatte, meinte ich, rhythmisches
Pochen zu vernehmen. Eigentlich konnte ich es eher spüren als hören,
es glich dem der Beltane - Nacht, damals, als wir zusammen dem Herzschlag der
Erde gelauscht hatten. Und es wurde lauter, es begleitete mich in den Schlaf,
wie stetiger, gleichmäßiger Trommelschlag..... dessen Rhythmus ich
nun folgend, den Weg zwischen den Apfelbäumen auf unser Häuschen
zuging. Nichts hatte sich verändert seit meinem letzten Hier sein, es
schien auf mich zu warten wie ein alter Bekannter, der sich auf einen längst
fälligen Besuch freut.
Die Türe stand offen. Ich hatte sie geschlossen bei meinem letzten Ausflug
hierher, das wusste ich genau. Georg, war er alleine hier gewesen? Das kleine
Mädchen stand, wie aus dem Boden gewachsen, plötzlich in der Tür.
Es sah mir keineswegs ängstlich oder erstaunt entgegen, als schien es
mich zu erwarten. Sein Aussehen in Kleidung und Frisur wirkte etwas altertümlich.
Es hatte dunkle, schwere Zöpfe, trug ein dünnes Kleidchen mit einer
Schürze darüber und ging barfuss. Kein Kind trägt heute noch
eine Schürze „Wer bist du?", fragte ich verwundert. Statt einer
Antwort lachte es belustigt, als wäre meine Frage ein Scherz gewesen. „Bist
du ganz alleine hier? Wo ist deine Mutter?" „Sie wird bald kommen.",
antwortete sie. „Sie ist noch unterwegs, weißt du. Ich suche meine
Katze. Hast du sie nicht gesehen? Sie läuft immer in den Keller, dann
sitzt sie ganz hinten, wo es schon so eng und niedrig ist. Ich weiß nicht,
was sie dort will, aber sie scharrt immer dort. Heute ist sie aber nicht da,
hast du sie nicht gesehen? Ich hab sie nämlich sehr lieb, ich will nicht,
dass sie weg ist." „Oh!" rief ich betroffen aus, "das
ist deine Katze! Ich weiß, wo sie ist, sei nicht traurig, ich werde sie
dir zurückbringen, ich verspreche es dir! Du musst aber noch ein paar
Tage warten." „Na gut!", sagte das kleine Mädchen vernünftig
und ohne auch nur einmal zu fragen, warum es denn warten müsse. Es kam
näher, sah mich mit seinen dunkelbraunen, großen Augen vertrauensvoll
an, sagte: „Bis bald!" ging zurück in das Haus und schloss
die Tür hinter sich. Beim Erwachen dachte ich: „Wenn selbst das
Haus unserer Träume schon bewohnt ist, wohin sollen wir uns dann wenden?"
Den Sonnenaufgang hatten wir verschlafen. Die Sonne stand bereits ein gehöriges
Stück über dem gegenüberliegenden Bergrücken, als wir erwachten
und es begann auch schon angenehm warm zu werden. Am Abend zuvor hatten wir
uns nicht genau umgesehen, zu sehr waren wir damit beschäftigt gewesen,
einen gemütlichen Schlafplatz zu finden, da ich darauf bestanden hatte
diese Nacht im Freien zu verbringen. Einen weiten Ausblick bot dieser Platz,
das bemerkte ich jetzt. Der Abhang, auf dem ich stand, neigte sich sanft nach
Süden; der lichte Mischwald reichte bis zu einer schmalen Strasse, die
den Berghang querlaufend schnitt. Sie führte auf ein kleines Dörfchen
zu, eher einen Weiler, mit nur ganz wenigen Häusern. Hier und da stiegen
dünne Rauchfahnen auf, vereinzelt war das Muhen von Kühen zu hören,
wahrscheinlich wurden sie gerade gefüttert und gemolken. Unterhalb der
Strasse wechselten einander Wiesen und Waldstücke ab, bis der sanfte Hang
jählings in eine Schlucht überzugehen schien. Von da unten hörte
ich, leise und stetig Wasser rauschen. Später dann, nach unserem Frühstück,
könnten wir hinunter wandern, vielleicht ein wenig im kalten Wasser baden.
Wir rollten unsere Schlafsäcke ein und stiegen zu unserem Bus ab, der
ein Stück abseits der Strasse, auf einem Waldweg geparkt war. Dann Frühstück,
auf dem Kocher zubereitet, auf dem Waldboden sitzend gegessen, Waldesstille,
Vogelgezwitscher, Frieden; jemand trommelte gleichmäßig, bum - bum,
bum - bum, bum - bum, wie Herzschlag.
Aber nein, das kann nicht sein, wer sollte denn hier im Wald trommeln!
Ich hörte (spürte?) wieder diesen dumpfen, gleichmäßigen
Schlag, er war die ganze Zeit da gewesen, unterschwellig, jetzt
wieder bewusst wahrgenommen. Georg schien nichts zu hören,
jedenfalls äußerte er nichts Derartiges. „Georg,
hörst du das nicht?", fragte ich ihn verwundert. „Was
meinst du? Die Geräusche des Waldes oder die Kühe?",
gab er meine Frage zurück. „Nein, es klingt wie Trommeln,
hör doch!" Ich wollte unbedingt feststellen woher es
kam, auch wenn ich meinen protestierenden Mann dazu von seinem
Frühstück wegzerren musste, ohne ihn konnte ich nicht
gehen, das spürte ich. Mittlerweile verließ ich mich
auf derartige Ahnungen und Gefühle und maß ihnen die
gleiche Wichtigkeit bei, wie rationalen Überlegungen. Georg
förderte das im Normalfall auch, nur, sein Frühstück
war ihm heilig, deshalb weigerte er sich jetzt entschieden. Einzig
die Dringlichkeit, die er aus meiner Forderung, mitzukommen, spürte,
veranlasste ihn endlich Kaffee und Gebäck schweren Herzens
liegen zu lassen und mir zu folgen.
Das Geräusch kam aus der Richtung des Abhanges, der sich,
sanft geneigt, unterhalb der Strasse fortsetzte. Hier begleitete
eine halb verfallene Trockenmauer das Straßenbankett, dahinter
wuchs eine alte, dichte Hecke aus blühendem Weißdorn,
Haselbüschen, Schlehen und einigen Ebereschen. Das Trommeln
kam eindeutig von einem dahinter liegenden Grundstück, das
durch die dichte Hecke nicht genau zu erkennen war. „Wir
müssen hier durch die Hecke!", erklärte ich Georg.
Wieder Protest. Er nützte ihm nichts, das erkannte er sofort,
also folgte er mir brummelnd, als ich mich durch das dornige,
kratzende Dickicht zwängte. Dann breitete sich vor uns eine
weite, von alten Apfelbäumen bestandene, blühende Wiese
aus...
Die Blätter der Apfelbäume rascheln leise im Wind, der
meinen schlanken, jugendlichen Körper umspielt und in ein
langes, fließendes Gewand aus einem seidigen Stoff gehüllt
zu sein scheint. Mir ist, als hörte ich ganz leise, zarte
Harfentöne, die von diesem lauen Wind an mein Ohr getragen
werden. Sie bilden eine seltsame, sich an den Rhythmus des Trommelschlages,
der immer noch zu hören ist, anpassende Melodie. Ich suche
Georgs Augen. Jetzt muss er es doch endlich auch hören! Ich
blicke in die Augen des Harfenspielers. Erkennen, Wissen und Erinnerung
sprechen aus ihnen, als sie sich in einem, keines Wortes bedürfenden
Blick in meine Augen versenken. Wir wissen es beide, wir sind am
Ziel. Hier liegt unser Avalon, und es wartet auf uns.
Hand in Hand gehen wir zum westlichen Rand der Wiese, wo zwischen
einigen weiteren, von Alter und Witterung schon geneigten Bäumen,
ein Häuschen steht. Es wirkt alt und unbewohnt. Es hat ein
ziemlich hohes Dach, kleine Fenster, deren Fensterstöcke schon
morsch sind, die Türe hängt schief in den Angeln und
der kleine Garten, von einem fast nicht mehr vorhandenen Lattenzaun
eingegrenzt, bildet ein wüst verworrenes Dickicht. Aber, und
das erkennen wir beide sofort, es ist unser Häuschen, und
es wartet, von uns erweckt und erlöst zu werden aus seiner
lieblosen Unbewohntheit. Das Pochen ist jetzt ganz laut, eigentlich
müsste das ganze Dorf davon erzittern. Und es kommt aus diesem
Haus. Unfassbar, dass seine alten Mauern davon nicht einreißen
und abbröckeln. „Pass auf!" mahnt mich Georg besorgt,
als ich mich durch die halboffene Tür zwänge, „es
ist sicher alles morsch, schau genau, wo du hinsteigst!" Aber
ich gehe mit traumwandlerischer Sicherheit durch die Räume,
ich kenne sie genau. Jedes knarrende Fußbodenbrett, jede
Unebenheit ist meinen Füssen vertraut, auch die in den Fußboden
eingelassene Kellertüre, die ich versuche, zu öffnen.
Georg hilft mir dabei, nachdem er erkannt hat, dass auch diesmal
sein Widerspruch wirkungslos bleibt. Mittlerweile ist aus dem Pochen
ein infernalisches Dröhnen geworden, unvorstellbar, dass nur
ich es höre. Von unten, weit unter dem Erdkeller scheint es
zu kommen, aus den Tiefen der Erde. Georg zündet ein Streichholz
an, als ich mich anschicke, die Ziegelstufen hinunterzusteigen.
Ganz hinten, dort wo sich der Keller verengt und die Decke ganz
niedrig wird, dort muss sie sein, die Quelle dieses gewaltigen
Herzschlages, das weiß ich ganz sicher. Dort muss sich auch
der Brunnenschacht, in den ich in einem meiner letzten Träume
gefallen war, befinden. Also, Vorsicht! Ganz behutsam taste ich
mich vor, bis in den letzten Winkel, aber, hier ist nichts, kein
Schacht, keine sichtbare Geräuschquelle, nichts, absolut nichts.
Das Dröhnen hat aufgehört. Die Stille, die darauf folgt,
ist fast hörbar.
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